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Die Orgeln des Herforder Münster St. Marien und Pusinna

Allgemein
Disposition der Hauptorgel 2006
Die Schwalbennestorgel
Orgelpositive
Die Geschichte der großen Orgel
- Disposition 1660
- Disposition 1685
- Disposition 1763
- Disposition 1869
- Disposition 1891
- Disposition 1961
Renovierung und Erweiterung 2006

Die Geschichte der Gemeinde
Der Herforder Münsterchor


Allgemein

Die Orgeln im Herforder Münster können auf eine lange Geschichte zurückblicken. Schon 1532 und 1560 sind Organisten und damit Instrumente im Herforder Münster nachweisbar. Um 1600 wurde die bestehende Orgel durch die berühmte Hamburger Orgelbauerfamilie Scherer umgebaut und hatte dann zwei Manuale mit 41 Tönen und kein selbständiges Pedal. 1684 baute Hinrich Reinking aus Bielefeld eine Orgel mit 20 Registern verteilt auf Hauptwerk und Pedal, die durch Johann Patroklus Möller um ein Rückpositiv und 14 Register auf Springladen erweitert wurde. Sie stand optisch wohl sehr eindrucksvoll auf einem Lettner vor dem hohen Chor des Münsters. Dieser Lettner wurde um 1868 abgerissen, und die durch ihren warmen und fülligen Klang in etlichen Quellen gerühmte Orgel verschwand spurlos. Nur eine Tafel auf der Musikempore zeugt noch von ihrer Existenz. 1874 erfolgte auf der neuerrichteten Westempore ein Neubau durch Fritz Meyer aus Herford mit II+P, 35 Registern, der 1891 auf drei Manuale mit 52 Registern erweitert wurde. Dieses Instrument wurde 1920 pneumatisiert und mehrfach umgebaut. Es verfiel zusehends, bis ein Bombentreffer des zweiten Weltkrieges ein Übriges tat. 1949/51 wird ein Neubau der Hauptorgel durch die Firma Förster & Nikolaus / Lich in Angriff genommen, der 1961 um ein großes Rückpositiv erweitert wurde und 1991 nochmals umgebaut wurde.

So präsentierte sich die große Orgel im Herforder Münster aus musikalischer Sicht als ein Konglomerat aus vier ähnlich neobarock disponierten Werken mit einem unvollkommenen, schwellbaren Brustwerk. Das Fehlen von fis3 und g3 in den Manualen II, III und IV und das Auftreten von Verschleißerscheinungen und eklatanten Sicherheitsmängeln, besonders in der gesamten Elektrik des Instrumentes aus den Jahren 1949/50 ließen Gedanken an eine technische Instandsetzung aufkommen. So entstanden im Laufe der Jahre auf Initiative von Münsterkantor Stefan Kagl in Zusammenarbeit mit zahlreichen konzertierenden Gastorganisten Pläne, das Instrument technisch und musikalisch zu überarbeiten. Eine Generalreinigung, ein kompletter Austausch der elektrischen Anlagen samt allen Kontakten und Magneten und die Umstellung auf 24 Volt sowie der Ausbau aller Manuale bis g3 waren der Ausgangspunkt der Überlegungen. Die Klangsubstanz der Orgel sollte, bis auf zwei sehr hohe Mixturen aus den 60er Jahren erhalten bleiben. So wurden behutsam Register innerhalb der Manuale getauscht, gerückt oder umintoniert, ganz oder teilweise neu gebaut, um die klanglichen und musikalischen Möglichkeiten des Instruments zu erweitern.

Am 3. September 2006 wurde die Orgel in neuer, strahlender Klangfülle dem Publikum vorgestellt.


Disposition nach der Renovierung und Erweiterung 2006:

I. Hauptwerk (C-g3) II. Rückpositiv (C-g3) III. Récit (Oberwerk C-g3) IV. Echo (Brustwerk, C-g3) Pedal (C-f1)
Prinzipal 16’

Prinzipal 8’

Bourdon 16’ Holzgedeckt 8’ Bordun 32’
Prinzipal 8’ Holzflöte 8’ Geigenprinzipal 8’ Traversflöte 8’ Prinzipal 16’
Flûte harmonique 8’ Oktave 4’ Koppelflöte 8’ Blockflöte 4’ Subbaß 16’
Rohrflöte 8’ Rohrflöte 4’ Gamba 8’ Quinte 1 1/3’ Quintbaß 10 2/3’
Viola da Gamba 8’ Gemshorn 2’ Voix céleste 8’ Sifflet 1’ Oktave 8’
Oktave 4’ Nasat 1 1/3’ Prinzipal 4’ Zimbel 3fach Gedackt 8’
Nachthorn 4’ Sesquialtera 2fach Rohrflöte 4’ Vox humana 8’ Oktave 4’
Quinte 2 2/3’ Scharf 4-6fach Nasat 2 2/3’ Tremulant Rohrgedackt 4’
Oktave 2’ Krummhorn 8’ Spitzflöte 2’ Prinzipal 2’
Cornet 5fach Schalmey 4’ Terz 1 3/5’ IV. Solo Nachthorn 2’
Mixtur 5-6fach Tremulant Mixtur 4fach Tuba magna 16’ Hintersatz 4fach
Bombarde 16’ Basson 16’ Tuba mirabilis 8’ Bombarde 32’
Trompette 8’ Trompette 8’ Tuba clairon 4’ Posaune 16’
Clairon 4’ Hautbois 8’ (extern an der Südwand in englischer Bauweise auf 450 mm WS als Kopie nach Father Willis) Clarine 4’
Clairon 4’
Tremulant

Koppeln: II/I *; III/I *; Sub III/I; Super III/I; IV/I *; III/II *; IV/III *; I/P *; II/P *; III/P *; IV/P *
*Normalkoppeln auch als Tritte

4000 facher Setzer,
Schweller III, IV,
Walze frei einstellbar,
Zungen ab,
Tutti,
Sequenzschalter.

Die Schwalbennestorgel

Die Schwalbennestorgel (auch Heinrich-Schütz-Orgel oder Zuberbier-Ott-Orgel genannt) an der Nordwand im hohen Chor des Herforder Münsters hat eine wechselvolle Lebensgeschichte. Der Prospekt (ohne Pfeifen) sowie Teile des Gehäuses und die Hauptwerkslade stammen aus einer 1756 von Johann Andreas Zuberbier für die Pfarrkirche in Friedewalde erbauten Orgel mit einem Manual und 9 Registern und angehängtem Pedal. Ungefähr 100 Jahre später wird die Orgel nach Südhemmern transferiert und in der Folgezeit im romantischen Sinne umdisponiert. 1949 wurde die Windlade und der Prospekt nach Herford verkauft, wo Paul Ott 1953 daraus eine neue Orgel mit 21 Registern, verteilt auf 2 Manualen und Pedal erstellte. Laut Angaben von Prof. Dr. Arno Schönstedt, des damaligen Münsterorganisten, haben die ehemaligen Mitarbeiter Otts, die Orgelbauer Ahrend und Brunzema die Intonation vorgenommen. Zur Zeit bedarf diese Orgel dringend einer grundlegenden Restaurierung.

Hauptwerk Brustwerk

Pedal

Rohrflöte 8' Holzgedackt 8' Subbaß 16'
Prinzipal 4' Blockflöte 4' Prinzipal 8'
Gedackt 4' Prinzipal 2' Nachthorn 2'
Nasat 2 2/3' Terz 1 3/5' Fagott 16'
Oktave 2' Quinte 1 1/3' Clarine 4'
Waldflöte 2' Oktave 1'
Mixtur 4f Zimbel 2f
Trompete 8' Regal 8'
Tremulant

Orgelpositive

Im Münster befinden sich noch drei weitere Orgelpositive:
Auf der Musikempore ein Instrument von Paul Ott, 1953

Disposition
Gedackt 8`
Rohrflöte 4´
Prinzipal 2´
Quinte 1 1/3´
Holzregal 8´
mit geteilten Registerzügen
• ein Positiv der Firma Steinmann an der Brüstung zur Taufkapelle

Disposition
Gedeckt 8´
Rohrflöte 4´
Prinzipal 2´
Quinte 1 1/3´

• und für die Continuobegleitung eine Truhenorgel.

Disposition
Holzgedackt 8´
Transponiereinrichtung

Die Geschichte der großen Orgel im Herforder Münster

Das Herforder Münster ist die erste große westfälische Hallenkirche, die baugeschichtlich prägend mit den Dombauten in Paderborn, Münster und Osnabrück in einer Reihe steht. Zugleich gilt das Münster als einziger Hallengroßbau in spätromanischen Bauformen. Es war seit seiner Gründung 789 durch den sächsischen Edelmann Waltger zugleich Stifts- und Pfarrkirche. Das dazugehörige Frauenkloster stand unter kaiserlichem Schutz und wurde dem Benediktinerinnenkloster Soissons zur Seite gestellt. Ab ca. 1220 entstand unter der Äbtissin Gertrud zur Lippe (die Fürst-Äbtissin des Herforder Stifts zählte in ihrer reichs- und papstunmittelbaren Stellung zu den mächtigsten Frauen des deutschen Reiches) der heutige Kirchenbau im Übergangsstil von romanischen zu gotischen Bauformen.

Die darin gepflegte Kirchenmusik hat seit den Zeiten des Stiftes eine lange Tradition. Schon in vorreformatorischer Zeit waren die Ämter des Kantors (anfangs zugleich Rektor der kirchlichen Lateinschule) und des Organisten (zugleich Rechnungsführer des Stiftes) getrennt. Die Zusammenlegung erfolgte erst de jure 1979 mit der Errichtung einer A-Stelle als Münsterkantor und -organist. Das sogenannte Kantorhaus (erbaut 1484-94), zugleich das zweitältesten Fachwerkhaus Westfalens dient noch heute als Dienstwohnung für den Stelleinhaber.

Die Geschichte der Orgeln und der Orgelmusik im Herforder Münster lässt sich bis in die Frühzeit des nachchristlichen abendländischen Orgelbaus zurückverfolgen: Bereits für das Jahr 909 wird der Klang einer Orgel erwähnt, (so ein Chronist in der älteren Vita von Königin Mathilde 974), als der spätere König Heinrich seine Braut Mathilde („aus dem Geschlechte Widukinds“) „in aller Stille“ aus dem Herforder Stift abholte, heißt es: „...nicht unter Glocken und Orgelklang...“ (wörtlich: “non cimbalis seu organis“). Es ist also der Schluss zu ziehen, wenn die Orgel nicht gespielt wurde, müsste (in der Vorgängerkirche des heutigen Münsters) doch schon ein Instrument vorhanden gewesen sein. Ein halbes Jahrtausend später sind 1532, dem Jahr der Einführung der Reformation am Herforder Münster und 1560 Organisten und damit Instrumente im Herforder Münster nachweisbar. Im Jahre 1600 wurde die bestehende Orgel durch die berühmte Hamburger Orgelbauerfamilie Scherer umgebaut, so der Vertrag der Äbtissin „über das Ausbessern der Orgel für 200 Thaler...“. Schon 1626 und 1630 erfolgten weitere Umbauten und Reparaturen durch Daniel und Ernst Bader und „Conrad Orgelmacher“ (Conrad Bader) aus Bielefeld. Die Disposition ist etwa in den 1660er Jahren aus undatierten Rechnungen folgendermaßen rekonstruierbar:

Disposition ca. 1660er Jahre (Rekonstruiert)

Werck (F-a3) Brustwerck Pedal ?
Praestant 6' Krummhorn 6' ?
Holtflöhte (?) 6' Tapflöhte 6' (?)
Octave 3' ..
Quinta 2' ...
Sufflet 1 ½'
Mixtur
Trompet 6'

1684/85 wurde mit Hinrich Reinking aus Bielefeld ein Vertrag über folgende Disposition geschlossen. Er wurde in Springladenbauweise und mit 5 Bälgen ausgeführt:

Disposition 1685

Oberwerk (C, D-c3) Rückpositiv (vorgesehen ?) Pedal
Quintaden 16' zwei Tremulanten

Praestant 16'

Praestant 8' Octav 8'
Viol di Gamba 8' Mixtur 6f
Querflöte 8' Posaune 16'
Quinta 6' Trompet 8'
Octav 4' Cornett 2'
Spitzflöte 4'
Hohlflöte 4'
Quintflöt 3'
Waldflöt 2'
Sexquialtera 3f
Mixtur 6f 2'
Trompet 8'
Schallmey 4'

Dieses Instrument wurde sogleich nach der Fertigstellung heftig kritisiert, denn Reinking bittet die Herforder Fürstäbtissin noch 1692 um einen, wohl wegen Nachbesserungen ausstehenden Geldbetrag. 80 Jahre später 1763/65 erfolgte ein weiterer Umbau durch Johann Patroklus Möller mit der Erweiterung um ein erneuertes (!) Rückpositiv (“... das Andere alles und sonderlich das Rückpositiv ganz neu gemacht worden”. Folglich könnte auch vorher ein Rückpositiv da gewesen sein !) und 14 Register auf Springladen, und vier neuen Bälgen von je 12’ Länge und 5 ¾’ Breite. Der neue Prospekt war 31’ breit, nach Aufstellung des neuen Werkes bildete die Orgelfassade, in der sich die Pedaltürme bogenförmig ans Hauptwerk anschlossen, “eine brillante Fronte”. Im gesamten Prospekt standen die klingenden Pfeifen von Prinzipal 16’ (Pedal) und Octave 8’ mit zum Teil 12’ langen Kondukten, sowie im Rückpositivprospekt von Prinzipal 8’. Möller zog die Orgel vor, “so dass sie über die Mauer und dem Altar, dem ersten Bogen und Pfeiler am Chore […] zu stehen gekommen, da es vorher hinter dem Bogen und auf den hölzernen Pfeilern der Prieche gestanden.” Die Orgel präsentierte sich nun optisch sehr eindrucksvoll auf einem Lettner vor dem hohen Chor des Münsters. Zuvor stand die Orgel also auf einer hölzernen Empore hinter dem Lettner. Dieser Lettner wurde um 1868 abgerissen, und die durch ihren warmen und fülligen Klang in etlichen Quellen gerühmte Orgel verschwand spurlos. Nur eine Tafel auf der sogenannten Schlafhausempore zeugt noch von ihrer Existenz.

Disposition 1763:

Hauptwerk Rückpositiv Pedal
Bordun 16' Principal 8' Principal 16'
Principal 8' Gedact 8' Octav 8'
Viola da Gamba 8' Flauto travers 8' Diskant Octav 4'
Quintade 8' Octav 4' Sesquialtera 2f 6'
Quinta 6' Rohrflöt 4' Mixtur 7f
Octav 4' Quinta 3' Posaun 16'
Flöte 4' Octav 2' Trompet 8'
Terzian 4' Sifflöt 1 1/3' Trompet 4'
Quintflöt 3' Sesquialtera 2f 1 1/3'
Sesquialtera 3f Mixtur 4f 1 1/3'
Mixtur 5f 2' Scharff 3f ¼'
Cimbel 4f Krummhorn 8'
Trompet 8'
Trompete 4'

Keine Koppeln nachweisbar, Manualumfänge: 48 Tasten

1836-42 waren Reparaturen durch Orgelbauer Kummer aus Minden nötig und 1867 nach einem Gutachten des Herforder Orgelbauers Meyer stand die Orgel trotz der Bemühungen des Orgelbauers Kummer immer noch im Chorton, damals etwa 1/4 Ton über dem Kammerton, was das Zusammenspiel mit den Stadtmusikanten erschwerte. Der Zustand der Orgel vor 1869 ist folgendermaßen überliefert:

Disposition vor 1869

Hauptwerk (C,D-c3) Rückpositiv (C,D-c3) Pedal
Bordun 16' Principal 8' Principal 16'
Principal 8' Gedackt 8' Subbaß 16'
Viola di Gamba 8' Flauto traverso 8' Violon 16'
Quintade 8' Fernflöte 8' Octave 8'
Hohlflöte 8' Octav 4' Octav 4'
Salicional 8' Rohrflöte 4' Posaune 16'
Octave 4' Gedackt 4' Trompete 8'
Gemshorn 4' Quinte 3'
Spitzflöte 4' Octave 2'
Rohrflöte 4' Krummhorn 8'
Quintflöte 3'
Octave 2'
Mixtur 3-5f
Trompete 8'




Schleifladen mit mechanischer Ton- und Registertraktur, in allen drei Werken fehlt das Cis


Nach Abriss des Lettners 1868 erfolgte in darauf folgenden Jahr “unter dem Thurm, hinter der Taufe”, also vermutlich am westlichen Ende des Münsters unter dem Nordturm, ein Neubau durch Friedrich Meyer/Herford mit zwei Manualen und Pedal und 35 Registern auf mechanischer Schleiflade. 1891 erweiterte Meyer das Instrument auf drei Manuale mit 52 Registern. Zu dieser Zeit rückte die Orgel auf der neu errichteten Westempore in das Zentrum zwischen beide Türme und bekam statt der vorhandenen vier Kastenbälge zwei neue Magazinbälge. Ihre Disposition war 1891:

Disposition 1891:

I. Manual II. Manual III. Manual Pedal
Prinzipal 16' Lieblich Gedackt 16'

Quintatön 16'

Prinzipalbaß 16'
Prinzipal 8' Prinzipal 8' Geigenprinzipal 8' Subbaß 16'
Gambe 8' Flauto traverso 8' Wienerflöte 8' Violonbaß 16'
Hohlflöte 8' Salicional 8' Lieblich Gedackt 8' Quintbaß 10 2/3'
Gemshorn 8' Quintatön 8' Aeoline 8' Prinzipal 8'
Gedackt 8' Oktave 4' Vox coelestis 8' Violoncello 8'
Oktave 4' Flauto traverso 4' Oktave 4' Gedacktbaß 8'
Hohlflöte 4' Fugara 4' Gemshorn 4' Oktave 4'
Gambe 4' Doublette 2' Flauto dolce 4' Cornett 3f 5 1/3'
Rauschquinte 2f 2 2/3' Scharff 4f 2 2/3' Violine 2' Bombarde 32'
Cornett 4f 4' Klarinette 8' Progressio harm. Oboe 8' Posaune 16'
Mixtur 4f 2' Trompete 8'
Zimbel 3f 1' Clairon 4'
Trompete 16'
Trompete 8'

Mechanische Tontraktur,
pneumatische Registertraktur,
Schleif-und Kegelladen (III: Manual) ,
II/I, III/I, I/Ped, II/Ped, III/Ped,
3 Tritte für feste Kombinationen: Mezzoforte, Forte, Tutti.

Im Jahre 1917 mussten die zinnernen Prospektpfeifen für Rüstungszwecke abgeliefert werden und 1920 wurde das Instrument durch den Lippischen Orgelbauer Ernst Klassmeier umgebaut. Der größte Teil des Pfeifenbestandes wird übernommen, nur die Register Gamba 8' und Cello 8' werden neu gebaut, das II. Manual erhält einen Piccolo 2' als Auszug aus dem Scharff, das Pedal eine Zartbaß 16' als Transmission aus dem II. Manual. Der technische Teil wird vollständig neu konstruiert, die Manuale I und II sowie das Pedal bekamen pneumatische Kegelladen, die Kegellade des Manual III wurde pneumatisiert. Der Umbau befriedigte jedoch nicht, denn die Pneumatik arbeitete nur sehr fehlerhaft, Klassmeier wurde per Urteil zum Nachbessern gezwungen, konnte aber die grundlegenden Konstruktionsfehler nicht beheben. 1921/22 arbeitete Klassmeier wieder am Instrument, doch konnte er die Mängel nicht beseitigen. Ein neuer Spieltisch samt Umwandlerstation für den Spielwind wurde gefertigt. Verschiedene Gutachter (Karl Straube, Orgelbauer Giesecke) gaben wenig positive Urteile über das Instrument ab. 1923 wird ein Kostenvoranschlag bei Furtwängler & Hammer eingeholt: Sämtliche Zungenregister, einige andere Register und der elektrische Winderzeuger sollten ersetzt und der Jalousieschweller repariert werden. Die Bombarde 32' sollte entfernt werden und gleichzeitig sollte die Orgel umintoniert werden. Klassmeier wurde aus dem Vertrag entlassen und ausbezahlt. Der Umbau wurde nicht ausgeführt, sondern lediglich die nötigsten Reparaturen geschahen. 1925 wurde durch Furtwängler & Hammer die Registerschaltung umgebaut, vermutlich eine Walze eingebaut und im Pedal die Oktave 4' durch einen Choralbaß 4' ersetzt. Die Orgel verfiel in der Folgezeit zusehends, bis ein Bombentreffer des zweiten Weltkrieges ein Übriges tat. In den Nachkriegsjahren 1949/51 wurde mit großem Einsatz der damaligen Münstergemeinde ein Neubau der Hauptorgel durch die Firma Förster & Nikolaus aus Lich in Hessen in Angriff genommen, der von dem damaligen Organisten Arno Schönstedt initiiert und geplant wurde. Die Intonation erfolgte durch Fritz Abend. Die Disposition, die “die Ergebnisse der nun fast drei Jahrzehnte währenden Orgelbewegung klanglich konzessionslos mit bewusster Betonung des vor allem liturgisch zu gebrauchenden Instruments berücksichtigt”, wurde nach langen Verhandlungen verwirklicht, zunächst “nach klassischem Vorbild in drei Etagen: BW, HW, OW, dahinter unten die große Pedallade, oben die kleine Pedallade. Es sind damit auch die konstruktiven Voraussetzungen für einen werkgerechten Orgelklang erfüllt.” (Arno Schönstedt). Man baute in äußerst funktionssicherer elektrischer Kegelladenbauweise, über die Schönstedt schrieb: “... in ihrer Arbeitsweise in nichts den Schleifladen nachzustehen brauchen, bei einem solchen großen Instrument jedoch erhebliche Vorteile besitzen, sofern sie wie in diesem Falle, mit elektrischer Traktur verbunden sind.” Der Manualumfang wurde unerklärlicherweise von C bis f3 festgelegt, was die Ausführung eines großen Teiles der Orgelliteratur nach 1860 fast unmöglich macht. Jüngste Recherchen von Fabian Brackhane habe ergeben, dass einige Pedalregister (Prinzipalbass 16`, vermutlich Subbass 16’, Quintbass 10 2/3`, Oktavbass 8’, Gedacktbass 8’ und die Becher der Posaune 16’) in hohem Maße historisches Material der Vorgängerorgeln von 1869/90 enthalten. Es sind somit die ältesten Pfeifen Herfords und die einzigen Pfeifen des Herforder Orgelbauer Meyers, die im Stadtgebiet erhalten sind. 1961 wurde die Orgel dann um ein durch den Herforder Kaufmann Wolfgang Tengelmann gestiftetes Rückpositivs durch die Erbauerfirma erweitert. Ein neues, von Wulf Knipping entworfenes Gehäuse wurde gebaut und dabei ein Austausch der Prospektpfeifen der Oktave 16' (HW) mit Rundlabien gegen einen enger mensurierten Prinzipal 16' mit Spitzlabien vorgenommen. Eine geringfügige Umdisponierung und “Klangschärfung” im Sinne der 60er Jahre sollte der Vollständigkeit halber erwähnt werden.

Die Disposition war 1961:

Hauptwerk (II) (C-f3) Oberwerk (III) (C-f3) Rückpositiv (I) (C-g3) Brustwerk (IV) (C-f3) Pedal (C-f1)
Prinzipal 16' Quintadena 16' Prinzipal 8' Gedacktpommmer 8' Prinzipal 16'
Prinzipal 8' Holzgedackt 8' Holzflöte 8' Spitzflöte 4' Untersatz 16'
Rohrflöte 8' Koppelflöte 8' Oktave 4' Prinzipal 2' Quintbaß 10 2/3'
Viola da Gamba 8' Prinzipal 4' Rohrflöte 4' Quinte 1 1/3' Oktave 8'
Oktave 4' Rohrflöte 4' Gemshorn 2' Terzian 2f Gedackt 8'
Nachthorngedackt 4' Nasat 2 2/3' Nasat 1 1/3' Scharff 5f Oktave 4'
Quinte 2 2/3' Spitzflöte 2' Sesquialtera 2f Regal 8' Rohrgedackt 4'
Oktave 2' Terz 1 3/5' Scharff 4-6f Prinzipal 2'
Blockflöte 2' Sifflet 1' Dulzian 16' Nachthorn 2'
Zink 2-4f 2 2/3' Zimbel 4-5f Vox humana 8' Hintersatz 4f
Mixtur 5-6f 1 1/3' Krummhorn 8' Tremulant Ped.-Zimbel 4f
Zimbel 3f ½' Tremulant Posaune 16'
Fagott 16' Trompete 8'
Trompete 8' Clarine 4'

HW, OW, BW und Pedal mit elektropneumatischer Kegelladen,
Rückpositiv von 1961 mit elektrischer Schleiflade,
I/II, III/II, IV/II, I/Ped, II/Ped, III/Ped, IV/Ped;
3 Freie Kombinationen,
Organo Pleno,
Zungeneinzelabsteller

Auf dieser Orgel hat, besonders zu Zeiten von Münsterorganist Arno Schönstedt, eine immense Riege weltbekannter Organisten, auch die großen Virtuosen aus dem Paris der 50er und 60er Jahre, konzertiert. 1992 wurde die Orgel nach Plänen von Münsterkantor Hartmut Sturm durch Orgelbau Steinmann aus Vlotho umdisponiert, im Hauptwerk wurde Zink 2-4 fach durch ein hochgebänktes Cornet 5fach ab g° 8’ ausgetauscht, es wurde eine Koppel IV/III eingebaut und das Brustwerk wurde vollkommen umgestaltet und bekam folgenden Klangaufbau:

Traversflöte 8’
Gambe 8’
Spitzprinzipal 4’
Oktave 2’
Sesquialtera 2f
Mixtur 4f
Hautbois 8’

So präsentierte sich die große Orgel im Herforder Münster aus musikalischer Sicht als ein Konglomerat aus vier ähnlich neobarock disponierten Werken mit einem unvollkommenen, schwellbaren Brustwerk. Das Fehlen von fis3 und g3 in den Manualen II, III und IV und das Auftreten von Verschleißerscheinungen und eklatanten Sicherheitsmängeln, besonders in der gesamten Elektrik des Instrumentes aus den Jahren 1949/50 ließen Gedanken an eine technische Instandsetzung aufkommen. Zudem wurde die Orgel durch eine längere Zeit andauernde Westfassadenrenovierung in den Jahren 2001/02 stark verschmutzt und alle Holz und Lederteile waren mit Schimmel überzogen. Dagegen hat das Instrument eben auch auffallende Qualitätsmerkmale aufzuweisen: Eine grundsolide Konstruktion von Windladen, Gehäuse und tragenden Teilen, störungsfrei arbeitende Trakturen und Ventile und eine, besonders in den Grundstimmen, tragende und raumfüllende Mensurierung. Auch besitzt sie im Bereich der Zungen und Aliquoten manch geschmackvoll intoniertes, orgelbewegtes Original, das heute nicht mehr so gebaut wird. So entstanden im Laufe der Jahre auf Initiative von Münsterkantor Stefan Kagl in Zusammenarbeit mit zahlreichen konzertierenden Gastorganisten Pläne, das Instrument technisch und musikalisch zu überarbeiten.


Renovierung und Erweiterung der Orgel 2006

Eine Generalreinigung, ein kompletter Austausch der elektrischen Anlagen samt allen Kontakten und Magneten und die Umstellung auf 24 Volt sowie der Ausbau aller Manuale bis g3 waren der Ausgangspunkt der Überlegungen. Die Klangsubstanz der Orgel sollte, bis auf zwei sehr hohe Mixturen aus den 60er Jahren erhalten bleiben. So wurden behutsam Register innerhalb der Manuale getauscht, gerückt oder umintoniert, ganz oder teilweise neu gebaut, um die klanglichen und musikalischen Möglichkeiten des Instruments zu erweitern. Das zeittypische, geschwungene Design des Spieltisches sollte bewahrt werden, ohne jedoch auf die modernen Spielhilfen einer elektrischen Orgel zu verzichten. Die Arbeitsgemeinschaft der Orgelbaumeister Michael Jocher und Jean Paul-Edouard (als leitender Intonateur) hat nach einer beschränkten Ausschreibung den Auftrag erhalten. Dr. Hans-Christian Tacke, der zuständige Orgelsachverständige schreibt in seinem Gutachten zu den Dispositionsänderungen und klanglichen Veränderungen: “Die Disposition stellt sich nach dem Umbau wesentlich geschlossener als zuvor dar. Das Gesamtkonzept bringt durch den Umbau des Oberwerks zu einem großen Schwellwerk und der Neuordnung nach chorisch-symphonischen Gesetzmäßigkeiten große Vorteile mit sich, die sich vor allem durch eine enorme Verbreiterung der stilistischen Vielfalt bemerkbar machen werden. Endlich wird eine gültige Interpretation des reichen Orgelmusikschaffens des 19. und 20. Jahrhunderts möglich. Anzusprechen ist vor allem die französische Literatur zwischen etwa 1870 und 1980. Die Bereicherung mit Grundstimmen (32’ im Pedal und 8’ im Manual), sowie durch die neuen Zungenchöre zu 32’, 16’, 8’, 4’ erhält die Orgel die nötige Gravität und einen “Kathedralenklang”, der dem Herforder Münster angemessen ist. Die klangliche Präsenz des Instrumentes wird sich verbessern und der Orgelmusik im Münster künftig eine sehr große Aufmerksamkeit garantieren. Die gesamten Verbesserungen können mit einem – in Abwägung zwischen Aufwand und Wirkung – absoluten Minimalaufwand erreicht werden, da nur 5 Register komplett neu gebaut werden müssen, dazu noch 48 Pfeifen von 4 anderen Registern. Durch die Verwendung eines gebrauchten Registers und die neuen Zungenblättchen für die wieder verwendeten Linguale, sind die Neubaumaßnahmen am Pfeifenwerk bereits vollständig beschrieben. Alle weiteren Dispositionsveränderungen kommen ausschließlich durch sinnvolle Registerumstellungen zustande. Dies ist eine große Leistung der Planung und lässt sich als ausgesprochen ökonomisch bezeichnen.”

Weiterhin ist der Einbau einer ausgebauten englischen Hochdrucktuba extern an der Südmauer der Westempore durch die Orgelbaufirma Siegfried Schmid projektiert. Dies alles ist erst durch die großzügige Hilfe vieler ansässiger Firmen, Stiftungen und die zahlreichen Einzelspenden Herforder Bürger möglich geworden. Der Herforder Orgelsommer hat vielen Menschen dieses Instrument durch zahlreiche Konzerte wieder ins Bewusstsein gerückt und dadurch Anreiz gegeben, dieses Projekt zu verwirklichen. Dafür sei Allen sehr herzlich Dank gesagt !

Stefan Kagl

Die Disposition nach der Renovierung und Erweiterung 2006


Die Geschichte der Gemeinde

Das Herforder Münster ist der erste westfälische Hallengroßbau, der dem Range nach mit den Dombauten in Paderborn, Münster und Osnabrück in einer Reihe steht und prägend für die Baugeschichte des Landes war. Zugleich gilt die Münsterkirche als einziger Hallengroßbau in spätromanischen Bauformen. Sie war seit ihrer Gründung 789 durch den sächsischen Edelmann Waltger zugleich Stifts- und Pfarrkirche. Das Kloster stand unter kaiserlichem Schutz und wurde dem Benediktinerinnenkloster Soissons zur Seite gestellt. Ab ca. 1220 entstand unter der Äbtissin Gertrud zur Lippe (die Äbtissin des Herforder Stifts zählte in ihrer reichs- und papstunmittelbaren Stellung zu den mächtigsten Frauen des deutschen Reiches) der heutige Kirchenbau im Übergangsstil von romanischen zu gotischen Bauformen.

Die darin gepflegte Kirchenmusik hat seit den Zeiten des Stiftes (gegr. Ende des 8. Jahrhunderts n.Chr.) eine lange Tradition. Schon in vorreformatorischer Zeit waren die Ämter des Kantors (anfangs zugleich Rektor der kirchlichen Lateinschule) und des Organisten (zugleich Rechnungsführer des Stiftes) getrennt. Die Zusammenlegung erfolgte erst 1979 mit der Errichtung einer A-Stelle als Münsterkantor und Organist.

Im sogenannten Kantorhaus (erbaut 1484-94), zugleich dem zweitältesten Fachwerkhaus ganz Westfalens, am Münsterkirchplatz 2 wohnen seit langer Zeit die Organisten. Es ist noch heute die Dienstwohnung des Stelleninhabers. Seit Juli 2002 versieht Stefan Kagl das Amt des Kantors und Organisten am Münster.

Der Herforder Münsterchor

Der Herforder Münsterchor ist seit 1980 zu einem der führenden Chöre Ostwestfalens geworden. Er geht auf den 1869 gegründeten Jünglings- und Jungfrauenverein zurück, der sich später “Münster Kirchen- und Posaunenchor” nannte. Der Münsterchor singt in den Gottesdiensten des Herforder Münsters und gestaltet jährlich darüber hinaus eigene Veranstaltungen, wie 2-3 Oratorien jährlich, a capella Konzerte und Kantatengottesdienste und Chorreisen. Zur Zeit hat er etwa 130 Mitglieder. Die Proben finden dienstags 19.45 bis 22.00 Uhr statt. Interessierte Sängerinnen und Sänger sind herzlich willkommen.

Im September 2002 wurde der Kinderchor am Münster durch Stefan Kagl gegründet. Neben Gottesdiensten gestalten die Kinder das alljährliche Quempassingen im Advent, im Jahre 2003 die cantus firmus Stimmen der Matthäuspassion und eine Kinderoper zum Gemeindefest. Der Kinderchor probt mittwochs getrennt in zwei Altersgruppen: um 16.00 Uhr die 5-8 jährigen und ab 17.00 Uhr die 9-12 jährigen. Um 18.00 Uhr probt als dritte Gruppe der Jugendchor . Auch hier ergeht an alle musikinteressierten Kinder eine herzliche Einladung !

Der Posaunenchor am Münster probt unter seinem Leiter Klaus-Dieter Menke donnerstags um 20.00 Uhr. Er hat zur Zeit 14 Mitglieder.

Alle Proben finden im Gemeindehaus am Münster, Münsterkirchplatz 5 und in der Regel nur außerhalb der Schulferien statt. Informationen bei Kantor Stefan Kagl


Quellen:
- Beer, Johannes: Die Herforder Münsterkirche, Herford o.J.
- Uhlenbruch, Dr. Fritz: Herforder Musikleben bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts, Herford 1926
- Brackhane, Fabian B.: Orgeln in Herford, Herford 2006
- Landeskirchliches Archiv der Evangelischen Kirche von Westfalen (Bielefeld), Aktensignatur 418
- Falkenberg, Hans-Joachim: Epochen der Orgelgeschichte Förster und Nicolaus, Lauffen 1992
- Tacke, Dr. Hans-Christian: Gutachten vom 26.11.2005

Mit freundlicher Genehmigung der Kirchengemeinde (Stefan Kagl)
OI-H-10

weiterführende Links

Webseite Kirchenmusik im Münster zu Herford



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