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Franz Tunder in Perspectief

Interpret: Peter Westerbrink
Instrumente: Schnitger-Orgeln Norden und Nordbroek, Radeker-Garrels-Orgel Anloo
Label: SIOG


Diese Doppel-CD ist in einer besonderen Weise dem Werk des Lübecker Marienorganisten und Werkmeisters Franz Tunder gewidmet, als die Hanse bereits zu einem eher nostalgischen Bündnis geworden war, aber die Organisten den Hansestädten noch einmal neuen Glanz verliehen, Tunder vollends mit der Einrichtung der Abendmusiken. Seine Zeitgenossen Jakob Praetorius,  Scheidemann, Neunhaber, Hintz, Weckmann u.a. beehren ihn hier zum 400. Geburtstag auf ihre Weise mit Praeambula, Canzonen, Choralbearbeitungen, -phantasien u.a. Titelgleiche Choräle, bzw. mit gleichen Melodien korrespondieren dabei miteinander und animieren zu anregenden Vergleichen.

Peter Westerbrink, Organist an den Arp-Schnitger-Orgeln der Aa-Kerk in Groningen (1702, Reil 2011, III/ heute 46) und in Noordbroek (1696, Hinsz 1768, Freijtag 1806, II/24) sowie der Hinsz-Orgel in Zandeweer (1731, Reil 2008, II/16) spielt diesen bunten Geburtstagsstrauß in ausgewogener stilkompetenter Interpretation. Neben der Nordener Orgel (1693, Ahrend 1985, IV/46) und seiner Nordbroeker Orgel ist noch die der Magnuskerk in Anloo zu hören, 1719 fertig gestellt mit 17 Registern auf zwei Manualen und angehängtem Pedal von Johannes Radeker und Rudolph Garrels, zweier Mitarbeiter von Arp Schnitger. 1944 bis 1950 durch Mense Ruiter verändert, wurde das Instrument von 1990 bis 2002 restauriert, bzw. rekonstruiert durch Henk van Eeken (Herwijnen, NL) und mit einem neuen Pedal komplettiert, dessen Disposition neben den zwei labialen Grundstimmen und der Basuyn merkwürdigerweise nur noch ein Cornet 4’ umfasst.

Die Nordener Orgel gibt Westerbrink die Möglichkeit, die Choralbearbeitungen von Hintz und Neunhaber, die für dreimanualige Instrumente konzipiert sind, entsprechend vorzustellen. Das tut Westerbrink denn auch stilsicher mit reichem Registerwechsel wie auch bei Tunders Choralfantasien „Was kann uns kommen an für Not“ (Melodie „Es ist gewisslich an der Zeit“) und „Christ lag in Todesbanden“, dass es eine Freude ist, diese Orgel wiederzuhören, obwohl man meinen möchte, dass sie inzwischen so vielfältig portraitiert ist, dass eigentlich kein Bedarf für weitere Einspielungen mehr besteht. Superprächtig beginnt die CD bereits mit Tunders Praeludium in F, ein Ohrenschmaus sondergleichen! Und hoch interessant – der Vers 3 eine solistische Tenorstimme über dem Beginn des Bass Cantus firmus führend – sind auch die fünf Verse einer anonymen Bearbeitung über „Nun freut euch lieben Christen gmein“, die eigentlich die Melodie von „Es ist gewisslich an der Zeit“ bringt, was hier aber nur bezeugt, dass die beiden Melodien in früheren Zeiten austauschbar nebeneinander standen. Diese Einspielung dürfte auch eine Ersteinspielung sein. Im Booklet wird Luthers Glaubenslied irrtümlich als Adventslied bezeichnet, was wohl ungeprüft übernommen ist aus Pieter Dirksens Notenedition von 1991. Tunders einzige Canzon steht in freundschaftlicher Nachbarschaft zu zwei Canzonen von Weckmann, deren eine allerdings auf dem fernen Oberwerk zu entschwinden scheint. Scheidts verschiedenen Sätzen aus dem Görlitzer Tabulaturbuch, die wahrscheinlich als frühe Begleitsätze zu verstehen sind, hätte eine Plenum-Registrierung allerdings besser gestanden als ein einsamer Dulcian oder Principal, so schön diese Stimmen auch sind.

Auf der Anlooer Orgel erklingen die dreistimmige Manualiter-Choralphantasie „Auf meinen lieben Gott“ und die Phantasie über „In dich hab ich gehoffet, Herr“, in der das Cornet 4‘ den Cantus firmus im Pedal oktaviert. Verbürgt in dieser Praxis ist eigentlich das Cornet 2‘, inkonsequenterweise schweigt es zudem in den ersten beiden Verszeilen. Auch im 3. Vers von Scheidemanns Bearbeitung zu demselben Choral, einem Trio, ruft die Verwendung des Cornets eher Verwunderung beim Rezensenten hervor. Das Plenum der Orgel, dargestellt am Praeambulum ex F von Jacob Praetorius, ist wegen der leicht zu hellen Sesquialter und Mixtuir bei etwas sehr stabilem Wind anzweifelbar. Und fraglich bleibt bei der „Ein feste Burg“-Bearbeitung aus der Lüneburger Tabulatur KN 208/1, warum der Coloratussatz auf nur einem Klavier erklingt.

Wieder wohlig zu Hause fühlt man sich bei den Aufnahmen aus Nordbroek, wo die Choralphantasie „Jesus Christus, unser Heiland“, in deren ersten Vers nach einem einleitendem Pedalsolo der Cantus firmus auf prächtigste Weise in der oberen der beiden Pedalstimmen erklingt, und das merkwürdig gelehrte Choralricercare „Jesus Christus, wahr‘ Gottes Sohn“ erklingen, dazu die früher einmal ebenfalls Tunder zugeschriebene große Phantasie „Ein feste Burg“ aus der Pelpliner Tabulatur Heft 1. Zwei Canzonen Scheidemanns führen die Principale, bzw. die Flötenstimmen vor, wunderschön auch der Coloratussatz „O Mensch, bewein dein Sünde groß“, einst von Moser dem Berliner Domorganisten und Kammermusiker Wilhelm Karges zugeschrieben.

Wenn man auch immer über Registrierungen trefflich streiten kann, bei dieser CD wird man das kaum tun. Westerbrink findet nahezu immer zu einer schönen Ausgewogenheit zwischen den Manualen (häufig unter Verwendung der Zungenstimmen Vox humana und Dulcian), was gar nicht so einfach ist, wenn ein Manual ohne Wechsel der Register sowohl als Echo wie auch als gleichberechtigtes Pendant dienen muss. Auch ist der Doppelzweck einer CD, sowohl das eingespielte Programm als auch die verwendeten Instrumente variationsreich vorzuführen, optimal abgedeckt.

Eine vorbildliche Gestaltung der Booklets (nur eine vollständige Abbildung der Anlooer Orgel fehlt) versteht sich bei Westerbrink von selbst, Dispositionen und Registrierungen ergänzen den sehr informativen Einführungstext, dessen Schlussabsatz fast entschuldigend den „prominenten Platz“ von Tunders Schaffen im 17. Jahrhundert beschreibt. Aufs Ganze gesehen bildet dieses Jahrhundert doch den Höhepunkt lutherischer liturgischer Orgelmusik überhaupt, mittendrin Franz Tunder mit seinen befreundeten Kollegen Heinrich Scheidemann, Johann und Jacob Praetorius und Matthias Weckmann. Westerbrinks engagierte wie gelungene Gratulationskür, die der Rezensent gleich viele Male abhörte,  unterstreicht das eigentlich Selbstverständliche, dass nämlich Tunder ein „Primus inter Pares“ war!

Rainer Goede - für www.orgel-information.de
Oktober 2016 / Juni 2017





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