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Die Reihe „Leichte Klavierstücke und Tänze“ des Bärenreiter-Verlags im Porträt

Sammelbände mit leichten Klavierstücken jeweils eines Komponisten sind nichts Neues. Jedoch muss man immer wieder feststellen, dass die große Mehrheit dieser Ausgaben dem heutigen Bedürfnis nach editorischer Genauigkeit nicht gerecht wird. Gar zu oft wurden früher diese Bände von Herausgebern mit ihren subjektiven Meinungen über die Art, wie die Stücke zu spielen sind, verunstaltet. Da gibt es noch immer Editionen im Handel, in denen Lautstärkeangaben, Phrasierungsbögen oder Artikulationsangaben gedruckt erscheinen, die in keiner Weise dem Geist der Komponisten entsprechen, sondern vor allem eines sind: Zeitgeist, Zeitgeschmack und nicht zuletzt Profildrang der Herausgeber. Solche Ausgaben sind heute nicht mehr zu gebrauchen. Nichtsdestotrotz sind diese Ausgaben natürlich im Umlauf sein und sie werden nur sukzessive durch Neue Editionen ersetzt. Und da sollte es dann doch möglichst eine Ausgabe sein, die dem heutigen Kenntnisstand entspricht.

Besonders verdienstvoll waren schon ab den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts die Urtextausgaben vom Henle-Verlag und auch die Sammlungen dieses Verlages für Lernende. Heute ist das Angebot viel größer geworden in dieser Hinsicht. Und manchmal hat hier inzwischen der Henle-Verlag seine früher solitäre Vorreiterrolle verloren. Gerade die großen, editorisch ambitionierten Verlage haben inzwischen nachgezogen. Zum Beispiel gibt es beim renommierten Bärenreiter-Verlag aus Kassel eine Reihe „Leichte Klavierstücke und Tänze“, die nun auch schon seit zwei Jahrzehnten Maßstäbe setzt. Diese Reihe ist alleine schon deshalb in annähernd jedem ihrer Einzelbände empfehlenswert, weil es sich entweder um Urtextausgaben im strengen Sinne handelt oder zumindest um Ausgaben, die auf dem Urtext basieren und nur vorsichtig das Allernötigste ergänzen. Und das wird dann auch kenntlich macht, so dass der Spieler sofort weiß, was an welcher Stelle von wem ist. Und manchmal ist die Textgrundlage sogar eine neue wissenschaftliche Ausgabe im Rahmen einer Werkedition.

Sehr gelungen ist zudem meistens die Auswahl der vorgelegten Werke dieser Reihe. Dabei handelt es sich fast immer um Originalwerke für Klavier beziehungsweise Tasteninstrumente. Und, soweit das möglich ist, wurde auch auf den Abdruck von Einzelsätzen aus größeren Werken zugunsten von kleinen Einzelstücken verzichtet. So wird der immer weiter um sich greifenden Seuche der Häppchenkultur nicht auch noch durch diese Ausgabe mehr Futter geliefert als unbedingt nötig. Allerdings hat das dann doch auch zur Folge, dass bei Komponisten wie Mozart oder Beethoven weitgehend leichtgewichtige Werke ausgewählt wurden, die nicht immer das kompositorische Niveau, das diese Großmeister eigentlich auszeichnet, widerspiegelt. Die kleinen Beethoven-Sonaten op. 49 hätten wunderbar in diese Sammlung gepasst, fehlen hier aber, obwohl man sie auch als gesamte Stücke hätte abdrucken können. Genauso der eine oder andere leichtere Satz aus einer Mozart-Sonate oder eben die berühmte „Sonata facile“.
Abgesehen von diesen Einschränkungen jedoch sind diese Sammelbände durchweg empfehlenswert. Und zwar teilweise sehr wohl auch wegen der gelungenen Auswahl der Stücke.
So findet sich in der Schubert-Sammlung das geniale späte Allegretto in c-moll, ein Kleinod, das den Wiener Meister in seiner ganzen Genialität zeigt und das ausgesprochen unbekannt ist. Auch im Mozart-Band haben die Herausgeber neben vielen Frühwerken, die noch nicht den genialen Mozart zeigen ein Spätwerk abgedruckt, das kaum gespielt wird, weil es eigentlich für ein Instrument verfasst wurde, das heute nicht mehr gespielt wird, die Glasharmonika. Dieses Adagio in C-Dur macht sich auf dem Klavier bestens und stellt eines der wenigen Ausnahmewerke dieser Sammlung dar, das nicht im Original für Klavier geschrieben wurde.

Etwas zwiespältig ist die Auswahl im Bach-Heft geraten. Da hat man auf das nun wirklich leicht spielbare C-Dur-Präludium aus dem ersten Band des Wohltemperierten Klaviers verzichtet, das doch annähernd jeder kennt, und stattdessen die eine oder andere Rarität ausgewählt. Es steht zu vermuten, dass dahinter, ähnlich wie bei der Auswahl der Beethoven- und Mozart-Stücke das rein finanzielle Interesse daran besteht, dass der Interessent dann eben gezwungen ist noch einen anderen Band zu kaufen. Das ist verständlich und auch, gerade in heutigen Zeiten, auch legitim, aber natürlich doch ein wenig schade.
Besonders bemerkenswert ist es, dass man für den Bach-Band zwei Choräle ausgesucht hat, von denen man nur die Melodie und den Bass in voller Schrift abgedruckt hat. Die harmonische Ergänzung in den Mittelstimmen wurde dünner gedruckt, was den Spieler darauf hinweisen soll, dass das eigentlich Generalbass-Sätze sind, die man historisch korrekt improvisierend ergänzen müsste. Dazu fehlt aber die Bezifferung des Basses. Das ist schade, denn selbst wenn es von Bach keine Originalbezifferung geben sollte, so hätte man das ja kenntlich machen und trotzdem abdrucken können. Das hätte den Spieler automatisch damit vertraut gemacht, wie diese Musik funktioniert und damit auch eine spezifische Eigenart der Musikkunst dieser Epoche zumindest ansatzweise vermittelt.

Die reinste Fundgrube sind die Ausgaben zu Brahms und Satie. Das Brahms-Heft versammelt unter anderem die 16 kleinen Walzer op. 39 in einer erleichterten Bearbeitung des Komponisten selbst und ermöglicht somit dem schon deutlich fortgeschrittenen Schüler diese melodiengesättigte und von Esprit und Einfallsreichtum gezeichnete Musik erfolgreich zu spielen. Diese Sammlung als leicht zu bezeichnen ist allerdings doch etwas irreführend.

Eine ganz andere Art von editorischer Qualität ist im Satie-Band zu finden. Bis auf eine Nummer fehlen zwar die eigentlich ideal für eine solche Ausgabe geeigneten „Sports et Divertissements“, aber auch so ist die Auswahl mehr als reizvoll. Vor allem kombiniert sie die köstliche „Sonatine Bureaucratique“, die klingende Ironisierung eines nichtssagenden Stückes von Clementi mit dem Stück selbst. So kann jeder schon am Notenbild erkennen, wie der große Ver- und Entzauberer Satie mit dieser Musik umgegangen ist. Dass diese brillante Parodie hundert Jahre nach ihrem Entstehen noch modern wirkt, das zeigt, welch überragende musikalische und ästhetische Begabung Satie war. Das noch immer kaum erkannte Genie Satie für den Klavierunterricht in einem brauchbaren Sammelband zu präsentieren, das ist hoch verdienstvoll zudem auch der bei Satie unbedingt notwendige Kommentar Substanz hat und trotzdem lesbar ist. Und wie in fast allen Bänden dieser Reihe: Die Fingersätze sind alle so gut, dass man sie zumindest probieren kann, manche sind sogar außerordentlich clever und auch musikalisch sinnvoll, was man nun wirklich nicht bei allen Ausgaben sagen kann.

Ein Nachteil der ganzen Reihe ist es allerdings, dass in fast jedem Band einzelne Stücke, oftmals leider gerade die Interessantesten, so eng gedruckt sind, dass die Übersicht verloren geht und die Lesbarkeit der Stücke beeinträchtigt ist. Da wäre es sicher sinnvoll gewesen, lieber zwei Stücke weniger auszuwählen, aber großzügiger zu drucken. So gibt es zwar im Detail das eine oder andere an dieser Reihe durchaus zu kritisieren, insgesamt jedoch dürfte diese Edition zu einem Standardwerk für den Unterricht werden. Teilweise ist sie es ohnehin schon.

Reinald Hanke - für www.orgel-information.de
August 2017


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