Daniel Kunert - Musik-Medienhaus
Das Portal der Königin

- Startseite - Rezensionen - Die Holzhey-Orgel im Münster Obermarchtal


Die Holzhey-Orgel im Münster Obermarchtal

Interpret: Gregor Simon
Label: motette

Die auffällige Programmwahl mit Werken von Bach, Mendelssohn u.a. erklärt Gregor Simon, Orgelkustos der Holzhey-Orgel, mit: erstens gibt es nur sehr wenig originäre Orgelmusik aus süddeutschen Klöstern der späten Barockzeit, zweitens liegt bereits eine CD mit Werken Mozarts vor. So behilft er sich mit Sätzen aus Bachs Orgelbüchlein und zwei seiner freien Werke (BWV 536 und 564), der 3. Sonate Mendelssohns, eigenen Kompositionen und zwei ausgesuchten Werken von Dubois und Boëly.

Die Baugeschichte der Orgel, die im Booklet leider nicht wiedergegeben ist, sei hier in aller Kürze dargestellt: eingeweiht 1784 mit Hauptwerk (15 Stimmen), Positiv (12), Echo (7) und Pedal (7), der Klaviaturumfang betrug C-f‘‘‘ bzw. im Pedal C-a0. Veränderungen erfuhr das Instrument 1869, 1896, 1922, 1936 und 1962, jedes Mal verbunden mit Verlusten von Originalteilen. So musste Johannes Rohlf 2012 die Bälge, die Windführungen, alle Zungenstimmen, den Spieltisch und die Spieltrakturen rekonstruieren. Die Vergrößerung des Pedalumfangs bis d‘ wurde beibehalten, was nun Simon erlaubte, sein CD-Programm aufzustellen.
Der Klang der Orgel ist im Vergleich zu anderen restaurierten Holzhey-Instrumenten in Ursberg, Rot an der Rot, Weißenau und Neresheim direkter und frischer, ein persönliches Merkmal Rohlfscher Intonation. Bei den tiefen Zungen allerdings hat er es manchmal denn doch zu gut gemeint, wie auch auf dieser CD zu hören ist.

Simon gelingt vor allem mit den Bachschen Chorälen ein schönes Orgelportrait, hier stellt er die so fortschrittlichen Farben Holzheys in schöner Vielfalt vor. Wenig gelungen wirkt daneben seine Interpretation von Toccata, Adagio und Fuge C-Dur, deren überstrapaziertes Tempo ihm keine deutende Artikulation mehr erlaubt, auch wird sein Spiel dadurch zu „klebrig“. Das gilt leider auch für die anderen schnellen Werke seines Programms, von denen einige in Klangwelten führen, die man in Obermarchtal nicht vermutet.

Dieser Verfremdungseffekt ist denn leider auch das größte Manko dieser CD: Bach, Mendelssohn, Dubois und Boëly sind zwar, wie Simon zeigt, in Obermarchtal spielbar, aber wesensfremd, alles andere als heimisch. Da gibt es einfach passendere Orgeln in passenderen Kirchen in Mittel- und Norddeutschland bzw. Frankreich. Für Obermarchtals oberschwäbische Klosterkirche bleibt die Suche nach Literatur süddeutsch spätbarocker Prägung. Die liegt leider nur in kleiner Anzahl vor, doch sie weiter zu erforschen, ist ein dringliches Desideratum, um auch dieser Orgel zu ihrem ganz eigenen „persönlichen“ Klangbild zu verhelfen. Eine Aufgabe für die nächste Einspielung.

Rainer Goede - für www.orgel-information.de
Mai 2018 / November 2018


Diese CD ist im gut sortierten Buch-/Musikhandel erhältlich
- unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de möglich).