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Orgelbuch des Klosters St. Walburg zu Eichstätt

Herausgeber: Raimund Schächer
Verlag: Cornetto

Der fleißige Treuchtlinger Kantor Raimund Schächer ist wieder einmal fündig geworden: in Regensburg fand sich das Orgelbuch des Klosters St. Walburg zu Eichstätt, das um 1700 datiert werden muss. Es beinhaltet 182 Sätze zur Messe und Vesper, Toccaten, Canzonen, Praeambula und ein Cappriccio Authore ignoto quinti toni, aber auch die anderen 33 hier edierten Stücke sind anonym überliefert. Ihre süddeutsch-katholische Faktur lässt sie den Werken von Johann Kaspar Kerll, Franz Xaver Anton Murschhauser oder Johann Speth nahe stehen, während ein Georg Muffat, Bernardo Pasquini oder Alessandro Scarlatti diese weit hinter sich lassen. Der Herausgeber verweist denn auch auf eine lokale Größe, den (seit 1664) Eichstätter Hoforganisten Bartholomäus Weissthoma (1639 – 1721), von dem allerdings kaum etwas bekannt ist.

Die Toccaten und Canzonen, in der Quelle blockweise aneinandergereiht, sind von verschiedener Länge und von unterschiedlichem Schwierigkeitsgrad. Spielerisch interessant sind die Toccaten, vor allem die Toccata 8vi toni mit einfallsreichen Kadenzformeln und die erste Toccata 6ti toni. Das Capriccio ist eher eine ganz einfallsreiche Variationenfolge über einem harmonischen Grundgerüst, einige Canzonen zeugen von kreativer Erfindungskraft und guter Durcharbeitung. Andere Stücke lassen sich vom Blatt spielen, wozu aber die Vorbildung gehört, wie derartige Stücke nach italienischem Vorbild zu spielen sind.
Wie in fast allen Ausgaben dieser Art aber gibt es Hinweise hierzu leider nicht. Die grundlegenden Anweisungen Frescobaldis aus seinen Orgelbüchern von 1628 und 1637 – zuletzt in der Stembridge-Ausgabe, Kassel 2009, ausführlich beschrieben – sind nach wie vor wenig bekannt, vor allem bei nebenamtlichen KollegenInnen. Entsprechend naive Wiedergaben wirken deshalb schnell wie Karikaturen. Auch wenn es sich nur um eine  praktische Edition einer größeren Auswahl der längeren Orgelstücke des Regensburger Codex handelt, eine genauere Beschreibung der Quelle und ein Kritischer Bericht  wären sehr hilfreich gewesen. So bleibt die Bindung der nur nach Spielfreude ausgewählten 34 Stücke an die Liturgie des Klosters St. Walburg, wie manche Titel wie pro gradual und nach einem Psalm nahelegen, doch ziemlich unklar.

Zwar ist diese Ausgabe eine interessante Wiederentdeckung lokaler süddeutscher Orgelkunst, eine angemessene Wiedergabe ist aber nur möglich, wenn die Rahmenbedingungen von Spielweise und Gottesdienstordnung auch erfüllt werden können. Trotzdem ist die Ausgabe recht sinnvoll, füllt sie doch wieder eine Lücke im nicht sehr stark vertretenen katholisch-liturgischem Repertoire des frühen 18. Jahrhunderts.

Rainer Goede - für www.orgel-information.de
Januar 2018 / Juni 2018


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