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Die heitere Orgel

Interpret: Stefan Palm
EAN: 4040406000484
Label: Dohr


Bei Orgelporträts auf CD befürchtet man aufgrund der CD-Absatz-Krise der großen Labels für spezielle Spartenmusik inzwischen zunächst die nächste gleiche Einspielung mit d-moll Toccata, der Widor-Toccata in völlig überhastetem pseudo-virtuosem Tempo und einer krachenden Choralphantasie von Reger. Aber zunehmend wird diese Lücke von kleinen – man möchte fast sagen Indi-Labels – CD-Verlagen gefüllt.
Bei der vorliegenden Aufnahme versetzt einen bereits das Cover-Foto in eine angenehme Stimmung. Die Orgel der Ev. Kirche Linnich ist als Gesamtaufnahme im Kircheninnenraum zu sehen, der Kronleuchter strahlt, Sonnenlicht durchflutet die Emporenfenster. Man erkennt Herrn Palm am seitlichen Spieltisch. Obwohl die Kirche am Niederrhein steht, fühlt sich der Rezensent durch die heitere Stimmung des Coverfotos an die einmalige Atmosphäre einer kleinen Thüringer Dorfkirche versetzt, die es so nirgendwo sonst gibt. Man spürt schon förmlich den ersten Akkord und denkt womöglich an eine hier endende Orgelwanderung.
Obwohl die Orgel eigentlich von einem unbekannten Meister 1764 errichtet wurde, handelt es sich eigentlich um eine – aus technischer Sicht – neue, da in großen Teilen rekonstruierte Orgel, die 1999 von der Firma Scholz grundlegend erneuert wurde. Das Instrument verfügt über 28 Register auf 2 Manualen und Pedal und ist mit Neidhardt III zwischen wohltemperierter und heutiger gleichstufiger Temperierung gestimmt.

Die Ausstattung der CD überzeugt vollkommen. Neben einem echten Jewel-Case (heute nicht mehr selbstverständlich) erfreut die Aufnahme mit einem vorbildlichen Booklet. Neben schönen Farbbildern der Orgel finden sich interessante kleine Aufsätze (deutsch und englisch) zu den Werken, der Orgel und dem Organisten, Stefan Palm. Neben der Disposition sind die einzelnen Registrierungen zu allen Werken abgedruckt: vorbildlich!

Auch die Auswahl der Komponisten überzeugt. Palm zeigt einen Querschnitt beginnend bei der Renaissance / dem Frühbarock mit einem guten „Hofdantz“ von Bernhart Schmid d. Ä., Frescobaldi über Barock (J. S. Bach) und Klassik (Haydn, Mozart, Johann Christoph Friedrich Bach) bis zur Frühromantik eines Mendelssohn. Dabei kommen mit Louis Claude Daquin und Félix Alexandre Guilmant auch Vertreter des frz. Barock und der frz. Romantik im Repertoire vor. Stefan Palm gelingt es in beispielhafter Weise, ein über die volle Laufzeit der CD fesselndes Konzertprogramm vorzuspielen, ohne dabei auf die „Schaustücke“ im Orgelrepertoire angewiesen zu sein. Wie oft findet man die Auszüge aus den transkribierten Liedern ohne Worte von Mendelssohn auf CD im Vergleich zu seiner bspw. 6. Orgelsonate? Eben, fast gar nicht. Und wenn man sich fragt, ob es sich denn nun um „profane Marschmusik“ handelt, wenn die CD „Die heitere Orgel“ heißt, so versteht der aufmerksame Hörer bereits bei den ersten Takten den Sinn: das ist einfach wunderbar lebendig und mitreißend interpretierte Musik, klar, strahlend, positiv und berührend. Dennoch klingen die zarten Stücke absolut lyrisch und poetisch. Wieso sind 70 Minuten nur so kurz?

Wie überhaupt die gesamte Klangqualität herausragend ist. Technisch gesprochen wird die Orgel exakt mit dem richtigen Maß an Direktheit und Raumresonanz dokumentiert, welches auch der Konzertbesucher vorfinden würde. Selbst die Trakturgeräusche sind nicht störend, sondern das „i-Tüpfelchen“ im lebendigen Klang der alten Dame. Alle Register und Solo-Stimmen kommen wunderbar klar, differenziert und mischen sich selbst in „orchestralen“ Registrierungen zu einem niemals schreienden oder mulmigen Klang. Spätestens beim singenden Klang der Prinzipale wird man unweigerlich an die Orgeln der Gebrüder Stumm erinnert. Von einmaliger Schönheit ist das Crummhorn 8‘, das – solistisch eingesetzt – im Diskant den Charakter einer Oboe hat und geradezu traumhaft mit der barocken Gambe 8‘ musiziert (so bei den Liedern ohne Worte von Mendelssohn). Überhaupt ist Stefan Palm ein Meister unendlicher Klangfarben. Man glaubt gar nicht, dass diese Königin noch keine 30 Stimmen hat. Auch an der Flaut travers 8‘ mit dem knorrig-holzigen Subbass 16‘ kann man sich kaum satt hören. Das „Schnarrwerk“ klingt herrlich strahlend und charaktervoll. Basson 16‘ und Trompet 8‘, beides wird bspw. im Variationswerk von Johann Christoph Friedrich Bach: Allegretto con variazioni „Ah, vous dirai-je Maman“ solistisch wie im Plenum eingesetzt, wie gerade dieses Werk geradezu mustergültig die Klangfarben und Schattierungen des Instrumentes auffächert. Die Posaune 16‘ ist nach bester barocker Manier knorrig und tragend, dabei im Klang vollmundig.

Großmeister Johann Sebastian Bach hätte seine Freude an diesem prächtigen Kleinod des rheinischen Orgelbarocks. Wir Orgelfreunde drücken indes zum 5. Mal die Wiederholungstaste vom CD-Player und hoffen, dass dies nicht die letzte CD von Stefan Palm an diesem Instrument sein wird. Prädikat: Absolut empfehlenswert in jeder Hinsicht. Chapeau!

Heiko Andersch - für www.orgel-information.de
Januar / August 2018


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