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Aufruf zur Rettung der Hesse-Orgel in Goldbach

Der Gemeindekirchenrat von Goldbach hat beschlossen, die Orgel samt Empore für eine moderne Gestaltung des Kirchenraumes noch dieses Jahr auszubauen. Es ist beabsichtigt, die Fenster des gotischen Chorraumes freizulegen, vor denen die Orgel zu Beginn des 19. Jhd. auf einer großzügigen Musikerempore errichtet wurde.
Die wertvolle Orgel soll zwar eingelagert werden, doch wird es nach der Umgestaltung in der Kirche keinen Platz mehr für eine Neuaufstellung geben.
Zwar gibt es Überlegungen, das Instrument auf einem Stahl/Glas-Gestell im Chorraum wieder aufzubauen oder nach dem Abriß der barocken, originell gestuften drei oberen Westemporen dort wieder aufzubauen, doch liegen hierfür keine konkreten Entwürfe, geschweige Finanzierungspläne vor. Mit der dringend nötigen umfassenden Restaurierung der Orgel sieht sich die Gemeinde finanziell überfordert. Dennoch wurde der Beschluß zum Abbau für dieses Jahr gefaßt.
Somit dürfte dies, wie in den meisten vergleichbaren Fällen, das Todesurteil für dieses einmalige Instrument sein!

Die Orgel wurde vor über 200 Jahren (!) im Jahr 1816 von den Orgelbauern Johann Valentin Knauf und Ernst Ludwig Hesse gemeinsam gefertigt. Knauf hatte bereits den Kontrakt, als durch Johann Christian Wolfram die Erweiterung des Projektes und Einbeziehung Hesses erwirkt wurde. Wolfram war nicht nur irgend ein Organist, er war ein profunder Orgelkenner, der verschiedentlich Orgeln prüfte und ein Buch über den Orgelbau seiner Zeit veröffentlichte. In diesem werden die Orgeln der Hesse-Werkstatt mit ihrer überdurchschnittlichen Qualität bereits hoch gerühmt, was auch seine Einflussnahme zugunsten Hesses erklärt.
Lange geriet dies in Vergessenheit, doch taten die soliden und äußerst klangschönen Instrumente der Hesse-Werkstatt bis in jüngste Zeit, oft ohne irgendwelche Restaurierungsarbeiten, ihren Dienst. Freilich war deren Schönheit nach 150 - 200 Jahren nicht mehr ohne weiteres für jedermann erkennbar. Oft litten sie auch unter der Verwahrlosung von Kirchengebäuden in den Jahrzehnten der DDR-Zeit. Seit der Wiederentdeckung ihrer Qualität und der aufwändigen Restaurierung mehrerer Instrumente (Holzhausen, Seebergen, Wahlwinkel u.a.) wird die Dachwiger Orgelbaudynastie aber zunehmend hoch geschätzt und findet viele Liebhaber im In- und Ausland - wie überhaupt der Wert unserer reichen Orgellandschaft international mehr gewürdigt wird, als im eigenen Lande.

Während anderen Ortes schon Orgeln, die noch nicht einmal 100 Jahre alt und zum Teil mehrfach verändert worden sind, als wertvolle Denkmale geschätzt werden, erlaubt man sich hier, ein fast 200 Jahre altes, unverändert erhaltenes, wertvolles Werk aufzugeben und zu entfernen!!! - für eine Raumkonzept, welches vor 50 -70 Jahren als modern, erstrebenswert und innovativ galt, dort wo Vergleichbares umgesetzt wurde heute aber oft als Verarmung wahrgenommen und bereut wird. Unzählige Beispiele hierfür sind in den "alten Bundesländern" zu besichtigen. Dort besinnt man sich vielerorts der verlorenen Historie und rekonstruiert aufwändig was z.T. kaum noch zu rekonstruieren ist.

Gerade in Goldbach ist diese Vorgehensweise besonders unverständlich, zeugt sie doch von völliger Geschichtsvergessenheit. Dieses Dorf hatte eine große musikalische Vergangenheit. Bis in das 19. Jhd. gab es sowohl einen Kantor, als auch einen Organisten, die gleichzeitig im Schuldienst tätig waren und sich den musikalischen Nachwuchs heranbildeten. Mit einem sog. Adjuvantenchor und -orchster waren allsonntägliche Kantatenaufführungen fester Bestandteil des Gottesdienstes. Hierzu benötigte man eine große Musikerempore und eine prachtvolle, vielseitige Orgel.
Diese ist nun, neben den Archivalien (leider) die einzige Erinnerung an diese Hochzeit der Musikkultur.
Bedauerlicherweise haben auch die erst 2017 in Goldbach von der Academia Musicalis Thuringiae mit großem Engagement ausgerichteten Thüringer Adjuvantentage keinen bleibenden Eindruck und Sinneswandel im Dorf bewirkt. Sie sollten eigentlich jedem Goldbacher Bewohner vor Augen geführt haben, daß es in ihrem Dorf einen großen kulturellen Schatz zu bewahren gilt.
Auch die Tatsache, daß Orgelbau und Orgelmusik gerade im letzten Jahr in die  Liste des Weltkulturerbes aufgenommen wurden, scheint in Goldbach nicht gehört worden zu sein -  man behilft sich dort lieber mit einer elektronischen Attrappe.

Als in der Restaurierung tätiger Orgelbauer möchte ich noch anmerken, daß ein Abbau der bislang unverändert aufgestellten Orgel immer mit Substanzverlust verbunden ist. Alte Orgelgehäuse sind nicht nach dem IKEA-Prinzip zusammengesetzt, sondern verleimt, gedübelt und genagelt. Deshalb vermeiden wir bei Restaurierungen, wenn irgend möglich, den Abbau der Orgelgehäuse. Selbst wenn die Orgel nach der Kirchensanierung wieder aufgestellt würde (was nach gegenwärtigem Stand sehr unwahrscheinlich ist), wäre der vollständige Abbau also mit vermeidbaren Verlusten verbunden - von den Mehrkosten ganz abgesehen.
Eine Translozierung in eine andere Kirche wäre sicher noch eine letzte Rettung für das Instrument, wenn sich die Gemeinde Goldbach ihrer Orgel entledigen möchte, und besser als eine fragwürdige Einlagerung ohne Perspektive. Allerdings dürfte es nicht einfach sein, für ein so großes, hohes Werk eine geeignete Alternative zu finden, zumal vor einer Neuaufstellung die umfangreiche Restaurierung anstehen würde.
Das Orgeln für einen bestimmten Raum gefertigt und intoniert sind, daß sie Träger von Kultur und Geschichte des Ortes ihrer Errichtung sind und mit diesem eine Synthese bilden, die in diesem Falle verloren geht, muß Orgelkennern und -liebhabern nicht weiter erklärt werden.

Die Kirchgemeinde als Eigentümer kann leider ohne Zustimmung der Landeskirche und ohne Genehmigung des Denkmalamtes (Benehmensherstellung, kein Einvernehmen vorgeschrieben) über ihr Kirchengebäude verfügen. Die von der Kirchenverfassung aufgegebene Verpflichtung zur Bewahrung des Kulturgutes bleibt somit ein wohlmeinender Appell. 
Das Votum verschiedener Fachleute wurde bislang nicht gehört. Es besteht nach meiner Kenntnis keine abschließende Konzeption und keine abgesicherte Finanzierung. Dennoch sollen noch in diesem Jahr mit dem Ausbau der Orgel unumkehrbare Tatsachen geschaffen werden!

Die einzige Chance für die Erhaltung der Orgel ist nun eine breite Öffentlichkeit und ein Aufschrei der Fachwelt, der den Akteuren die Augen für ihr unverantwortliches Vorgehen öffnet.
Hierzu möchte ich aufrufen und Ihnen an das Herz legen, mit Unterschriften, eigenen Statements und weiteren Aktionen in sachlicher, emotionaler, aber nicht in beleidigender und polemischer Art Einfluss auf eine Revision des Beschlusses zu nehmen.
Eile ist geboten!

Joachim Stade - Waltershausen, den 07.06.2019



Freundeskreis Hesse-Orgeln:
Gabriele Damm, Kontakt: m.g.damm(at)gmx.de

Joachim Stade
Schloss Tenneberg 3
99880 Waltershausen
mail: joachim-stade@gmx.de

Ev.- Luth. Kirchgemeinde Goldbach
An den Gemeindekirchenrat
Frau Pfarrerin Anette Uhle
Hauptstraße 29
99869 Goldbach
pfarramt(at)emmaus.gemein.de

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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Mit freundlicher Genehmigung von Gabi Damm - Freundeskreis Orgel Holzhausen - Autor: Joachim Stade
weiterführende Links:

Die Orgel der Emmaus-Kirche Goldbach