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Marktkirche Hannover: Orgelfest 6.-8. September 2019 zum zehnjährigen Bestehen der Goll-Orgel
Rückblick

Es war in jeder Weise ein Fest und künstlerisch und organologisch ein besonderes Erlebnis, was Ulfert Smidt und sein Team als Programm konzipiert hatten – Anlass in der Marktkirche war das zehnjährige Bestehen der umgebauten Hauptorgel (IV, P., 66. Goll 2009, Prospekt von Dieter Oesterlen 1954). Das zahlreiche Publikum bei jeder Veranstaltung dokumentierte nicht nur die Akzeptanz und Wertschätzung, die Hannovers vielfältig ausgezeichneter und international geschätzter Stadtorganist Ulfert Smidt genießt, sondern auch, dass man in Hannover die Marktkirche mit ihren drei großartigen Orgeln als das „Wohnzimmer Hannovers“ ansieht, wohin man gerne geht. Und es gibt offenbar immer mehr Menschen, die sich vom Klang der Orgel faszinieren lassen und diese Zeit als einen Moment des positiven Rückzugs für sich genießen.

Orgelspaziergang

Welch vielfältige stilistische Möglichkeiten die drei Orgeln der Marktkirche bieten, führte Ulfert Smidt selbst mit ideal gewählten Werken vor: Toccaten von Girolamo Frescobaldi auf der italienischen Orgel (I, angeh. P., 7. Fabrizio Cimino 1780), Kompositionen von René Vierne und Johann Caspar von Kerll auf der romantisch beeinflussten Chor-Orgel (III, P., 15. Hermann Eule 2008), wobei in Kerlls „Kuckuck-Capriccio“ die Flauto traverso 4` die Zuhörer besonders heiter stimmte. Welch vielfältige stilistische Möglichkeiten die große Goll-Orgel bietet, demonstrierte Ulfert Smidt bei seiner Vorführung mit J. S. Bachs monumentaler Fuge e-Moll BWV 548 mit vollem Werk und bei seiner Orgelmatinee mit Werken von Mendelssohn und Franck.

Neben „Stummfilm & Orgelimprovisation“ (Tobias Willi improvisierte auf der Orgel zu F. W. Murnaus Faust-Film von 1926), einem Vortrag „Die Orgel im Raum – Anpassung oder Kontrapunkt?“ (Simon Hebeisen, Firma Goll) und einem Orgelpfeifen-Bauprogramm für Kinder gab es auch noch einen Orgelspaziergang zu Hannovers neuesten Orgeln. Ulfert Smidt führte die 1902 von Forster & Andrews erbaute englische Orgel stilistisch treffend mit Percy E. Fletchers „Fountain Reverie“ vor. Die aus einer säkularisierten Kirche in Wales erworbene Orgel  (III, P., 30) war 2018 von Reinhard Hüfken in Halberstadt restauriert worden und fand Platz auf der leeren Empore der Nazareth-Kirche, die seitlich des Chorraums bereits ein große Schuke-Orgel besitzt. Anschließend wanderte man zur Neustädter Kirche, um erstmals einige Register der fast vollendeten „Bach-Orgel“ (III, P., 51) der belgischen Firma Thomas zu hören, die Prof. Emmanuel Le Divellec einschließlich der Stimmungsproblematik erläuterte. Das rein mechanische Instrument orientiert sich mit Prospekt und Intonation am mitteldeutschen Orgelbau der Bach-Zeit. Es ist – wie auch die spanische Orgel auf der Nachbarempore – Eigentum der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover.

Daniel Roth präsentiert die Kunst der französischen Orgelmusik

Ein besonderes künstlerisches Erlebnis war das Konzert mit Daniel Roth auf der großen Goll-Orgel. Zu Anfang hatten sich die Kinder als „Pfeifenoktave“ mit ihren selbstgebauten Orgelpfeifen im Altarraum aufgestellt und eine Melodie aus Einzeltönen aufgeführt. Und sehr verständnisvoll stellte sich Daniel Roth den Fragen der Kinder: … ab wann er Orgel gelernt hatte, wer seine Lehrer waren, wo er studiert hatte … . Während das Publikum sich noch über den Ernst der Kinder freute, wanderte Daniel Roth zum Spieltisch der großen Orgel empor. Dann folgte ein Feuerwerk an Klangvielfalt, Klangfülle und Virtuosität mit Werken von Saint-Saëns (Prélude et Fugue Es-Dur op. 99,3), Krebs (Italienische Fantasie), Mendelssohn-Bartholdy (Präludium und Fuge e-Moll, bearb. f. Orgel), Widor (Salve Regina op. 13/II), Tournemire (Fantasie-Improvisation Ave maris stella in einer Rekonstruktion von M. Duruflé), Roth (Triptyque: Andante) und Duruflé (Prélude et Fugue sur le nom d’ALAIN). Das Publikum in der vollbesetzten Marktkirche feierte den Altmeister dieser Orgelkunst stehend mit langem Applaus – und die Goll-Orgel hatte sich im Rahmen des Orgelfestes als ein hervorragendes Instrument erwiesen, auf dem rund 400 Jahre Orgelliteratur angemessen interpretiert werden können.

„Orgellandschaft Hannover“

Hannover hatte im Zweiten Weltkrieg unter großen Zerstörungen gelitten, die auch viele Kirchen betrafen. Seither ist durch viele Neubauten von kleinen und großen Orgeln wieder eine reichhaltige „Orgellandschaft“ in Hannover entstanden, die gerade umfangreich dokumentiert wird: Wenn man das Internet-Portal „Pfeifenorgeln in Hannover“ aufruft, so erhält man in einer gut gegliederte Übersicht einen Überblick über rund 70 Jahre Orgelbau sortiert nach Kirchen und Orgelbauern. Schon die darin genannten Namen einiger Orgelbauer müssten Orgelenthusiasten anregen, eine „Orgeltour Hannover“ zu unternehmen: J. Ahrend, Beckerath, Eule, Führer, Furtwängler & Söhne, Hammer, Hillebrand, Jahnke, Klais, Lobback, Ott, K. Schuke … und dazu kommen noch international exzellente Instrumente von Marcussen (Dänemark), Collon und Thomas (Belgien), Goll (Schweiz), Cimino (Italien), Forster & Andrews (England), sodass auch Studierende der Kirchenmusik vielfältige stilistische Erfahrungen mit italienischer, spanischer und englischer Orgelmusik auf adäquaten Instrumenten gewinnen können. Eine weitere Attraktion wird ab Ende 2019 die große „Bach-Orgel“ in der Neustädter Kirche sein - nach den Worten Prof. Le Divellecs: „Eine Orgel, wie sie Bach gern gehabt hätte!“ Bei dieser farbigen Orgellandschaft ist es daher nicht überraschend, dass in Hannover jährlich viele Kirchen- und Orgelkonzerte stattfinden, bei denen auch namhafte Gastorganistinnen und –organisten und die vielen leistungsfähigen Chöre der „Chorstadt Hannover“ gern mitwirken.

K.-J. Kemmelmeyer

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Mit freundlicher Genehmigung der Marktkirche (Ulfert Smidt)
weiterführende Links:

Die Orgeln der Marktkirche Hannover