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Die Orgel in der ev.-luth. Kirche Crostau

Geschichte der Orgel
Zur Geschichte der Silbermann-Orgel Crostau
Disposition

Geschichte der Orgel

In der sächsischen Oberlausitz hat sich ein barockes musikalisches Kleinod erhalten:Die Silbermann-Orgel in der Ev.-Luth. Kirche Crostau. Ihr Erbauer, der „Königliche Hoff- und Land-Orgel-Bauer“ Gottfried Silbermann (1683-1753), zählt zu den bedeutendsten Orgelbauern überhaupt und prägte Sachsens Orgellandschaft mit den von ihm geschaffenen 50 Instrumenten nachhaltig.Grundvoraussetzung dafür war neben seinem raschen Aufstieg – im Alter von 28 Jahren wurde er mit dem Neubau der Freiberger Domorgel beauftragt – der herrliche Klang seiner Instrumente und ihre vorzügliche technische Anlage. Einzigartig ist, dass Silbermann ausschließlich neue Orgeln errichtete.

Der Baukontrakt zur Crostauer Silbermann-Orgel ist leider verschollen. 2006 machte der Orgelbaumeister Christian Wegscheider einen bemerkenswerten Fund in der Silbermann-Orgel der Freiberger Petrikirche. Neben anderen Dokumenten kam ein Weihegedicht auf die Crostauer Orgel ans Licht. Das Gedicht belegt Christian Heinrich Graf von Watzdorff als Stifter der Orgel; die Weihe fand am 5. November 1732 statt. Nach ausführlichem Lob des Stifters wird Silbermann mit vier recht kurzen Versen gewürdigt:

Er übergibet den Bau den grösten Meister,
            Den Sachsens Raum zu unsern Zeiten nennt,
(Es brauchet hier nicht falscher Schmincke Kleister;
            Denn Silbermann wird aus dem Werck erkennt:)

Wie der Dichter vorausahnte, stand auch ohne schriftlichen Nachweis niemals ernsthaft in Zweifel, dass Silbermann der Erbauer der Crostauer Orgel war. Heute noch wird ein Orgelliebhaber ohne Mühe „Silbermann aus dem Werck erkennen“ – an der „lieblichen Schärffe“, dem „rechten Silber-Klang“ oder der genügenden „Gravität“, wie seiner Zittauer Orgel bescheinigt wurde. Das Crostauer Instrument zeichnet vor seinen Schwesterinstrumenten aus, das Silbermann hier den Umfang der Manualklaviaturen um die Töne cis3 und d3 bereicherte ((üblich war der Umfang C, D bis c3) . Einen solchen Umfang hatten außer einem Positiv in Schweikershain nur noch die großen Instrumente in Dresden und die Orgel in der Johanniskirche Zittau.

Offenbar seines anstößigen Lebenswandels und seines hochfahrendes Wesens wegen wurde Christian Heinrich Graf von Watzdorf am 3. April 1733 im Auftrag des neuen sächsischen Kurfürsten Friedrich August II. verhaftet und später „auf seine ganze Lebenszeit zu engem Gefängnis auf Unser Vestung Königstein“ verurteilt. Eine Farbfassung des Orgelprospektes musste aus finanziellen Gründen entfallen.

Die Silbermann-Orgel Crostau bestand unverändert bis ins 19. Jahrhundert trotz ungünstiger klimatischer Verhältnisse in der feuchten Kirche. 1860/61 erfolgte eine behutsame Reparatur durch Carl Eduard Schubert. Vor dem Abbruch der alten Kirche im Jahre 1868 wurde die Orgel ausgelagert und 1870 in der neu errichteten Kirche wieder aufgestellt. Um ein romantisches Moderegister  einzubauen, wurde 1913 das Register Quinta 1 ½ entfernt. Zum Glück blieb es das einzige verlorene Originalregister, das 1982 rekonstruiert wurde. 1933 erhielt die Orgel durch reversible Maßnahmen den modernen Kammerton. Im Zuge einer Überholung des Pfeifenwerkes 1981/82 wurde der Prospekt erstmals barock gefasst. Im Zuge einer Generalinstandsetzung und Restaurierung wurden 2016 alle Veränderungen rückgängig gemacht und der Originalzustand von 1732 weitestgehend wiederhergestellt. Die Orgel ist zu ca. 95 % original erhalten.


Ihren Silber-Klang können Besucher in Gottesdiensten, ca. 13 Konzerten im Jahr und Orgelführungen erleben. Die Crostauer Kirche ist als täglich geöffnete Radwegekirche in der Nähe des Spreeradweges ausgewiesen.


Zur Geschichte der Silbermann-Orgel Crostau

I. Der Orgelbauer Gottfried Silbermann

Gottfried Silbermann wurde am 14. Januar 1683 im erzgebirgischen Kleinbobritzsch nahe Frauenstein geboren. Um das Handwerk des Orgelbaus zu lernen, ging Silbermann 1701 nach Straßburg. Dort hatte sich kurz zuvor sein fünf Jahre älterer Bruder Andreas Silbermann (1678–1734) als Orgelmacher niedergelassen, der den Elsass mit seinen
hervorragenden Instrumenten ähnlich prägen sollte, wie sein jüngerer Bruder es in Sachsen tat.

Als Meister gründlich in der Kunst des Orgelbaues ausgebildet, kehrte Gottfried Silbermann 1710 in seine sächsische Heimat zurück. In Frauenstein und ab 1712 in der Freiberger Werkstatt sind in
Zusammenarbeit von drei bis höchstens acht Mitarbeitern die neuen Orgeln entstanden. Sein reichlich vier Jahrzehnte ausfüllendes Lebenswerk nötigt uns immer wieder höchste Bewunderung ab. Drei Fähigkeiten – nicht jedem Orgelbauer gleichermaßen in die Wiege gelegt – waren seine
„wuchernden Pfunde“: Fleiß und ein ihm von Gott verliehenes Talent – Musikalität – Geschick im kaufmännischen Geschäft.

Singulär in der Geschichte des Orgelbaues ist wohl die Kompromisslosigkeit, mit der er die Verwendung von Bestandteilen und Pfeifen vorhandener Orgeln ablehnte. So stellen alle seiner 50 Orgeln, von denen 31 erhalten sind, vollkommene Neubauten dar. In der logischen Folge konnte Silbermann seine Schaffensprinzipien ohne Abstriche durchsetzen und mustergültige Instrumente formen. In der Zählung der Orgelwerke Gottfried Silbermanns steht die Crostauer Orgel an 28. Stelle, also in der Mitte seiner Schaffenszeit – 20 Jahre nach dem Bau der Orgel im Dom zu Freiberg (1711/14), die von vielen Experten zu den schönsten Orgeln der Welt gezählt wird und 20 Jahre vor seinem größten Werk, der hauptsächlich von seinen Gesellen vollendeten und nicht minder bedeutenden Orgel der Katholischen Hofkirche zu Dresden (1750/55). Über deren Bau verstarb Gottfried Silbermann am 4. August 1753.

Silbermann war sich seines Ranges als hervorragender sächsischer Orgelbauer durchaus bewusst; auch wurden ihm schon zu Lebzeiten Ehre und Anerkennung zuteil. Als Beispiel genannt sei das ihm 1723 vom Hof des sächsischen Kurfürsten zu Dresden verliehene Privileg eines „Königlichen Hoff- und Land-Orgel-Bauers“, mit dem u.a. gewisse Begünstigungen bei der Vergabe von Aufträgen zu Orgelneubauten innerhalb Sachsens verbunden waren.

II. Errichtung der Silbermann-Orgel Crostau

Als sich der Auftrag für einen Orgelneubau Gottfried Silbermanns in Stolpen zerschlug, beauftragte Christian Heinrich Graf von Watzdorf, zu dessen Besitz das Rittergut Crostau zählte, den Orgelbauer mit der Errichtung eines Instrumentes in der Crostauer Kirche. Silbermann kam
der Auftrag offenbar gelegen, da ihm für das Jahr 1732 keine weiteren Aufträge vorlagen.

Der in der Crostauer Chronik mit 1700 Talern ungewöhnlich hoch angegebene Preis der Orgel schließt vermutlich Nebenkosten für nötige Zimmerer- und Maurerarbeiten ein.1 In der Crostauer Chronik ist allerdings zu diesem hohen Preis vermerkt: „Wieviel solches gekostet, ist Gerücht, doch aber sehr glaublich; denn jetzo würde sie gewiß weit höher kommen.“
Der Weihetermin wurde vermutlich wegen Bauverzögerungen vom 2. November 1732 auf den 5. November verschoben. Abweichend von dem sonst üblichen Klaviaturumfang in den Manualen
C, D bis c3 bereicherte Silbermann die Crostauer Klaviaturen um die Töne cis3 und d3. Einen solchen Umfang hatten außer einem Positiv in Schweikershain nur noch die großen Instrumente in Dresden und die Orgel in der Johanniskirche Zittau.
Schon lange Zeit begrenzt die Crostauer Orgel den Schaffensbereich Silbermanns nach Osten hin, denn die große dreimanualige Orgel der Johanniskirche Zittau wurde bereits 1757, nur 16 Jahre nach ihrer Fertigstellung, im Siebenjährigen Krieg zerstört. Im Norden reicht Silbermanns Tätigkeit bis nach Großkmehlen und Lebusa in Brandenburg, im Westen bis Schloß Burgk in Thüringen und im Süden bis ins sächsische Vogtland und Erzgebirge. In einem Umkreis von weniger als 100 km sind um die Stadt Freiberg konzentriert Kirchen mit Silbermann-Orgeln anzutreffen, wobei Freiberg selbst ehemals in vier Kirchen und in einer Privatwohnung fünf Instrumente des Meisters aufzuweisen hatte.

III. Der Stifter der Orgel

Über den Besitzer des Crostauer Schlosses, Christian Heinrich Graf von Watzdorff, dem Stifter der Orgel, bemerkt die Crostauer Chronik von 1796: „Christian Heinrich, des heil. röm. ReichsGraff von Watzdorff, Sr.Königl: Majest. in Pohlen und Churfürstl: Durchl. zu Sachß:wohlbestallter Kammerherr; Hof-und JustitienRath; Domprobst des Stifts St. Petri zu Budißin; auch Domherr der beyden freien Stifter, Meißen und Naumburg. Er ließ ao: 1732. in hiesiger Kirche ein schönes neues Orgelwerk von vorzüglicher Güte von den berühmten Orgelbauer Silbermann, aus Freiberg, erbauen, welches ohne die Kost 1700 Rthlr. gekostet hat ... Er würde auch das sehr schadhafte Kirchengebäude repariret und erweitert haben, wenn nicht 1733. die Ungnade des Königs Augustus II. ihn auf den Königstein als Arrestant gebracht hätte, allwo er auch Todes verblichen.“

Neue Forschungen zum Geschlecht derer von Watzdorf zeichnen ein genaueres Bild des Crostauer Orgelstifters: Christian Heinrich Graf von Watzdorf begeisterte sich in besonderem Maße für Musik und Literatur. Er spielte Cembalo, Laute und Violine. Freundschaftlich war er dem italienischen Komponisten und Violinisten Tomaso Albinoni verbunden. Zum Kammerherrn sowie Hof- und Justizrat ernannt, versagte er auf diplomatischer Mission aufgrund seines hochfahrenden Wesens.
Mit Familie und Hof zerstritten, erregte auch sein Lebenswandel – mehrere uneheliche Kinder mit Geliebten niedrigeren Standes und die Vergewaltigung der Tochter seines Crostauer Pächters – Anstoß.

Als Domherr zu Meißen war er Teil einer Abordnung, die nach dem Tode Augusts des Starken zum neuen sächsischen Kurfürsten geschickt wurde. Augenscheinlich nur aufgrund der günstigen Gelegenheit ließ August II. den „wegen seiner Unberechenbarkeit und gelegentlichen Peinlichkeit“ zur Last gewordenen Grafen am 3. April 1733 verhaften und auf der Festung Königstein inhaftieren.
Die Haftbedingungen entsprachen seinem Stand – er trug Perücke, speiste von Silber- und Porzellangeschirr reichhaltige Speisen und hatte Musikinstrumente zur Verfügung. Anfragen zu seiner vermeintlichen Schuld oder Freilassung stießen allerdings auf taube Ohren beim Dresdner
Hof. Infolge eines Streites mit Angehörigen der Festung und Briefen, in denen er die Untersuchungskommission und den Kurfürsten mit „ungebührlichen Ausdrücken“ beschimpfte, wurde ihm der Titels eines Kammerherren entzogen. Das Geheime Kabinett verurteilte ihn – ohne
reguläres Gerichtsurteil – „auf seine ganze Lebenszeit zu engem Gefängniß auf Unserer Vestung Königstein“ wegen Majestätsbeleidigung. Sein Eigentum fiel mit seinem Tod 1747 an den Fiskus.


Disposition
Silbermann, 1732 (II/20)

Hauptwerk C - d3 Hinterwerk C - d3 Pedal C-c1
Principal 8' Gedacktes 8' Sub-Bass 16'
Quintadina 8' Rohr Flöte 4' Octaven Bass 8'
Rohr Flöte 8' Nasat 3' Posaunen Bass 16'
Octava 4' Octava 2'
Spitz Flöte 4' Tertia aus 2'
Quinta 3' Quinta 1 1/2'
Octava 2' Sifflet 1'
Cornet 3fach (ab c1) Cymbeln 2fach
Mixtur 4fach

Tremulant
Manualschiebekoppel
Coppel (zusätzlicher Zug zur Betätigung der Manualkoppel)
»Calcanten Glöcklein« (Zug betätigt die mechanische Pedalkoppel)

Stimmtonhöhe: Chorton, gegenwärtig 437,8 Hz/a1
Stimmungsart: gleichmäßig temperierte Stimmung mit leichter Tendenz zu Neidhart 1723

Mit freundlicher Genehmigung der Gottfried Silbermann Gesellschaft e.V.
Mit freundlicher Genehmigung der Kirchengemeinde
OI-C-5
weiterführende Links:

Webseite Silbermann-Orgel Crostau
Webseite Gottfried Silbermann Gesellschaft e.V.