Daniel Kunert - Musik-Medienhaus
Das Portal der Königin

- Startseite - Rezensionen - Das Schneeberger Orgel- und Clavierbuch um 1705


Das Schneeberger Orgel- und Clavierbuch um 1705

Interpret: Enrico Langer
Instrument: Renkewitz-Orgel auf Schloss Augustusburg
Label: Querstand


Neben dem Mylauer Tabulaturbuch von 1750, das hauptsächlich Werke von Johann Pachelbel (1653 – 1707), dem Rudolstädter Hoforganisten Nikolaus Vetter (1666 – 1734), dem Gothaer Kapelldirektor Christian Friedrich Witt (um 1660 – 1717) und dem Altenburger Schlossorganisten Gottfried Ernst Pestel (1654 – 1732) enthält, ist seit wenigen Jahren auch das „Schneeberger Clavier- und Orgelbuch“ aus dem Bestand der Leipziger Stadtbibliothek greifbar. Die 27 Orgelwerke dieses Bandes stammen u.a. von dem Weißenfelser Musikdirektor David Heinrich Garthoff (1670 – 1744), Gottfried Pestel, Christian Witt und natürlich von dem Schneeberger Musikdirektor Christian Umblaufft (1673 – 1757), der bei Schelle- und Kuhnau gelernt hatte. Bereits 1696 kam Umblaufft nach Schneeberg und stellte dort im Laufe eines langen Lebens die vorbildliche Gebrauchsliteratur zusammen.

Von der Funktion, bzw. Form her sind es Praeludien, Fugen, Ciacconen, Variationen, Canzonen und eine Suite, Stücke für den liturgischen und auch für den häuslichen Bedarf. Wie das Mylauer Tabulaturbuch spiegelt es sächsische Kultur auf hohem Niveau wieder, natürlich nicht vergleichbar mit dem, was Bach und seine Familie lieferten. Der Ehrenfriedersdorfer Niklasorganist Enrico Langer hat die Kleinodien eingespielt auf der denkwürdigen Renkewitz-Orgel der Schlosskapelle Augustusburg. Dieses Instrument (I/15) ist zwischen ca. 1740 und ca. 1750 erbaut von dem Organisten und Uhrmacher Georg Renkewitz (1687 - 1758), der offenbar nebenbei auch Orgeln baute. Ganz vollendet aber hat die Orgel erst sein Neffe Carl Gottfried Bellmann (1760 - 1806), Orgelmacher in Dresden. Prächtig ist das Plenum dank der sonoren Posaune, die beiden Diskantregister Unda maris und Flauto dulcis 8‘ erlauben wunderschöne Farbmischungen, edel klingt der Principal 8‘.

Nach einer "Hauptreparatur" 1860 durch Christian Friedrich Göthel (Borstendorf bei Augustusburg) und einer „Instandsetzung“ 1936 durch Gebr. Jehmlich (Normalstimmung durch Umhängen der Traktur) wurde die Orgel 1972  wieder rückgeführt durch dieselbe Firma, 1992 erfolgte noch eine Teil-Restaurierung und Überholung durch Kristian Wegscheider. So ist das Werk heute ein Vorzeigeinstrument gerade auch für die „normale“ Literatur des 18. Jahrhunderts, die im Wesentlichen ja auch für einmanualige Instrumente bestimmt war. Von den reichen Möglichkeiten der Disposition macht Langer vorzüglichen Gebrauch gerade auch bei Witts großartiger Ciaccona in B, mit der Umblauffts Orgelbuch schließt.

Das Booklet bringt zwei sehr gute Einführungstexte von Michael Maul und Vitus Frösch und die Disposition, die Registrierungen fehlen leider. Mit der Ersteinspielung des Schneeberger Orgelbuches ist Enrico Langer ein hervorragendes Beispiel der Demonstration üblicher barocker liturgischer Gebrauchsmusik auf einem herausragenden Instrument gelungen.


Rainer Goede - für www.orgel-information.de
Juni 2019 / November 2019


Diese CD ist im gut sortierten Buch-/Musikhandel erhältlich
- unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de möglich).