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Die Orgelbauerfamilie Zinck
Ein Beitrag zur Erforschung des Orgelbaus in der Wetterau und im Kinzigtal des 18. Jahrhunderts

Autor: Dr. Krystian Skoczowski
Verlag: Haag + Herchen


Der Verfasser hat mit dieser umfangreichen Facharbeit - unter Betreuung von Prof. Dr. Andreas Eichhorn - an der Universität Köln 2017 promoviert.

Dieses "Mammut"-Kompendium schließt erfreulicherweise eine Lücke zum Orgelbau in der Wetterauer und Hanauer Region, weil leider vormals viele Kreise des vormaligen Kurfürstentums Hessen (Hessen-Kassel) wenig bis keine Aufmerksamkeit erfuhren. Der Verfasser allein weiß, wieviel Zeit er in Archiven oder "in unsortierten Papierhaufen" verbracht hat. Und wenn Unterlagen mal irgendwann verschollen sind...dann gute Nacht.

Wie immer ist bei einer solchen immensen Materialfülle auch die Gefahr von Wiederholungen, Nebenaspekten, Redundantem gegeben. Die Anzahl der Fußnoten erscheint manchmal sehr ausufernd, und nicht jeder mag z.B. Mensurtabellen und historische Banalitäten. Manchmal wäre hier weniger mehr gewesen. Sehr hilfreich zur komplexen und abstrakten Materie sind dankenswerterweise Werklisten und speziell die Grafik zu Abstammungs- und Lehrverhältnissen der Orgelbaufamilien. Diese hätte aufgrund ihrer zusammenfassenden Bedeutung aber durchaus optisch größer ausfallen dürfen.

Den Löwenanteil der sorgfältigen wissenschaftlichen Arbeit , die immer durch zahlreiche Skizzen und Fotos anschaulich ergänzt wird, bildet die Präsentation der Zin(c)k-Dynastie in vier Generationen. dabei kommt der 1789 von Johann Georg Zinck erbauten Orgel in Neuberg-Rüdigheim, die mustergültig 2017 von Fa. Förster & Nicolaus rekonstruiert wurde, sicher eine besondere Rolle zu. Dieses Instrument wird somit zurecht konzertant intensiver gewürdigt. Die Besonderheit: durch Einheirat ist unbedingt der Name Johann Friedrich Syer zu nennen. Ihm kommt sogar eine Art Doppelfunktion (als Schüler und Schwiegersohn) zu.

Die erhaltenen Instrumente werden klassifiziert und auch in ihren Besonderheiten und Gegensätzlichkeiten detailliert gewürdigt.
Nachdem schon durchaus mal nolens volens Ratzmann- mit Silbermann-Orgeln verwechselt wurden (!), stellt sich die Frage nach den typischen Wesensmerkmalen der Zinck-Syer-Instrumente. Nun, diese i.d.R. EIN-manualigen Instrumente sind eindeutig weniger repräsentativ sondern eher
protestantisch schlicht und nüchtern einzuordnen. Und schon immer gab es finanziell nicht so gut situierte Gemeinden, die ihre Instrumente etwas
preisgünstig(er) ordern konnten. Somit begnügen sich die Dispositonen auf Prinzipal 4´ - Basis mit terzlosen Mixturen, Vermeidung bzw. Ablehnung von Zungen-Registern. In der 4´Lage gibt es u.a. Kleingedeckt (Flöte minor), Gemshorn.
Glücklicherweise sind im Grundstimmenbereich neben Gedeckt 8´ (wird latinisiert bzw. hochstilisiert zu "Flauto major") auch noch z.T. Quintade 8´ Gamba 8´ zu finden. Das Pedalwerk ist hinterständig und verfügt meist die standartisierten (Holz)Register Subbaß 16´ mit Violon- oder Oktavbaß 8´.
Eine Sonderform sind folierte gerundete Holzpfeifen (neben Metallpfeifen!) im Orgelprospekt. Es gibt also je nach Auftraggeber deutliche Qualitätsunterschiede und auch das Wort "Bauernbarock" erscheint hier nicht grundlos.

Auch menschliche Kurisitäten und Abgründe fehlen nicht in der umfangreichen Darstellung. Es geht genauso um Zahlungsverweigerung, Prügel, Streitigkeiten, Betrug, Münzfälscherei, Urkundenfälschung, wie über vernichtende Urteile von Zeitgenossen im großen Spannungsfeld der Konfrontation, Kooperation oder Konkurrenz. Und das Ende ist alles andere als ein Happy End. Hier blickt genau durch, wer die Begriffe Kosten- und Kastenverwalter versteht.

Weiter aufgelockert wird der sympathische Fachband durch 300 (!) Fotos auf der beigefügten CD.

Somit ist es wunderbar, dass nach Jahren der Funkstille ein solches detailliertes Buch über den hessischen Orgelbau auf dem Markt ist.

Christoph Brückner - für www.orgel-information.de
Dezember 2018 / Juni 2019


Dieses Buch ist im gut sortierten Buch-/Musikhandel erhältlich
- unter anderem im Notenkeller in Celle (tel. Bestellung 05141-3081600 oder per Mail an info@notenkeller.de möglich).