Daniel Kunert - Musik-Medienhaus
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Festivity - The Organ of Today

Komponist: Mons Leidvin Takle
Verlag: Cantando


Um es kurz zu machen: ja, auch ich mag den "obsessiven" Stil des Komponisten. Diese Ausgabe darf man somit getrost als sehr gelungen betrachen. Manche Stücke können durchaus als "stilreine" Werke von Mozart, Vivaldi gelten. Andere Titel können ohne weiteres als adaptierte Klavier-Jazz-Stücke (Barbara Dennerlein lässt grüßen) auf der Orgel durchgehen. Pipes Power ? Durchaus ! Aber: manche Stücke erschließen sich erst auch bei mehrmaligem Anhören der CD. Diese mitgelieferte CD ist also eher "obligat" und somit hilfreich.

Mein Gesamteindruck dazu: "Mitreißend" ist mir ein zu bemühter Ausdruck. Ich finde die Bezeichnung "aufwühlend" passender: im Sinne von: wer auch immer Orgelkonzerte mit Werken von Mons Leidvin Takle besucht, der mussbereit sein und es riskieren, dass er etwas erlebt, das ihn verändern wird und verändern kann. Dementsprechend möchte ich mich unbedingt an das Vorwort (leider nur in englisch/norwegisch) halten und es hier in deutscher Übersetzung nach meinem Verständnis interpretieren: sicher : eine Binsenweisheit: alle Orgeln sind (grund-)verschieden. Und analog konträr sind ebenso die menschlichen Charaktereigenschaften. Aber Orgelinstrumente bringen durchaus Chancen für subjektive, interpretatorischen Ausdruck und subtile, persönliche Nuancen, die weit über das hinausgehen, was wir gewöhnlich diesen Tasteninstrumenten zutrauen bzw. zumuten. Somit muss diese (Orgel-)Musik absolute Lebensbegleitung zu unterschiedlichsten Anlässen in Freud und Leid sein dürfen. (Theologen müssten hier das Wort "Kasualien" bemühen). Mir ist der Ausdruck "Grenzsituationen" lieber.

Es ist daher ur-eigenste Aufgabe jedes einzelnen Interpreten, bitte nichts zu imitieren und kopieren, sondern Freiheiten und Affekte auszuloten und überzeugend "rüberzubringen". Vorgeschlagene Registrierungen, Tempo, Dynamik-Angaben können also immer nur ungefähre Richtwerte sein. Jeder Einzelfall wird, darf und muss also anders sein. Ansonsten wäre es mechanisch. Im schlimmsten Fall: Gebrauch = Verbrauch. Abnutzung. Und hier meine Ergänzung: es kann also im übrigen nie schaden, seinen gesunden musikalischen Menschenverstand dabei wachzuhalten. Das jeweilige Instrument entscheidet: was geht - und was geht nicht.

Und so sind wir bei einer weiteren Gabelung, einer Wegkreuzung angelangt: ein Klavier ist keine Orgel. Und umgekehrt in der Logik: eine Orgel ist ebensowenig ein Klavier. Obwohl bei manchen Stücken durchaus der (reizvolle?) Eindruck entsteht, dass pianistisches Virtuosentum ("Feuerwerk") vordergründig effektvoll aber wenig tiefgründig auf die Orgel übertragen wird. Ja auch dieser Aspekt von "Oberflächlichkeit" wird da gelegentlich entstehen. Ebenso der Eindruck, dass sich wiederholte Passagen "abnutzen" , weil doch eher auf etwas banale Wendungen beruhen. "Power of Life" ... dieses Eingangsstück wirkt in der youtube -Aufnahme (durch den Interpret und Widmungsträger Christopher Herrick!) auf mich eher leider etwas "abgedroschen".
Aber auch das Gegenteil stellt sich bei anderen Stücken ein: ruhige gefühlvolle Balladen, dramatisch (fetzige!) Marschklänge (Nr. 19), Jazz-Pur (Nr. 10). Allerdings durchaus verstörend und provokativ, weil absolut dis-harmonisch klingt (unfreiwillig!) die Choral-Harmonisierung (Nr. 12).
Eindeutig versöhnlicher ist dagegen Nr. 15: Norwegian folktune. Eine große Interpretationshilfe ist also unbedingt die mitgelieferte CD. Glücklicherweise gibt es zu dem Notenband und der CD Analogie bei den laufenden Nummern / Die Abfolge von Ziffer 1 bis 8 ist glücklicherweise identisch. Völliger Bruch gibt es leider danach ab Nr. 9. Warum bitte ? Das Chaos und Durcheinander (abweichende Nummerierung von Noten/CD-Titeln!) ist dann total perfekt. Da hilft nur viel suchen und noch mehr blättern (vorwärts und zurück), damit man wieder den Überblick behält. So entspricht (Notenband Angaben in Klammern) zur CD: (09) = 11 / (11) = 9 / (13) = 17 / (14) = 16 / (15) = 13 / (16) = 15 / (17) = 14 / (18) = 19 / (19) = 18.
Ansonsten gilt es alle gebotenen stilistische Repertoire-Vielseitigkeit uneingeschränkt und neidlos anzuerkennen. Absolute Konzertreife.

Allerdings sollen auch die Vorliebe für rhythmische Finessen sowie wechselnde Takte nicht verschwiegen werden (sehr extrem in Nr. 3 "Take five Blues" / eher moderat in Nr. 4 "carpe diem). Und vielleicht ist das dann auch schon ein Erfolgsrezept - eine eher ausgewogene (weil bewusst sparsame!) Dosierung in den Konzerten.
Damit ich nicht falsch verstanden werde: reine Bach-Konzerte können bereits ebenso als absolut "langatmig" empfunden werden. Auch hier wird es auf die "richtige" Mischung ankommen.

Christoph Brückner - für www.orgel-information.de
Februar 2019 / September 2019


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